
Ich war voll von dieser ganzen tollen Kunst, kalt von den tiefen Temperaturen und grumpelig, weil ich a) einen ganzen Tag zu überbrücken hatte, weil ich den Nachtbus um 20:00 gebucht hatte und mein Zimmer (welches ja sowieso so kalt war) schon verlassen hatte und b) so viel über meinen Gastgeber nachdenken musste. Einerseits ist er ein netter Mensch, der Tourismus im guten Sinne machen möchte. Andererseits gefallen mir manche Ansichten dazu nicht und außerdem vereinigten sich bei ihm Antimuslimismus und brahmanischer Suprematismus (letzteres Wort musste ich im Internet suchen).
Da ich mich so geärgert habe und auch ratlos war, wie damit umgehen, führe ich das hier jetzt etwas aus. Mein Gastgeber – ich nenne ihn jetzt R. (öffentliches Bashing im Internet finde ich doof und hoffe, es ist alles genügend anonymisiert) – erzählte mir schon sehr früh, dass er Brahmane, also aus der höchsten Kaste, sei. Das ist meistens ein Indiz dafür, dass es mit gewissen Weltanschauungen insbesondere über die Wertigkeit von Menschen einher geht.
Das mit dem Moslem-Bashing hab ich schon angefangen im vorherigen Blogpost zu erwähnen. Das ging so weit, dass er die Besitzer des Vivaana-Hotels „beschuldigte“, aus Lahore zu kommen. Also quasi islamisch zu sein, auch wenn sie Hindunamen haben. Es kamen da immer mal wieder kleine Seitenhiebe in den Gesprächen. Und ich weiß immer nicht: soll ich Dinge richtig stellen (auch wenn mir die Zahlen zB fehlen), soll ich mir da irgendwas verbitten, soll ich auf einer anderen Ebene einsteigen? Ich bemühte mich um „vernünftige Nachfragen“ – aber irgendwie hatte ich nicht das Gefühl, dass dadurch irgendwas passierte.
Was mir weiterhin aufstieß: er wollte keine indischen Gäste haben. Die seien doof. Nur WestlerInnen sind gute Gäste. Ja klar sind manche indische Gäste anstrengend, aber deswegen allen einen Riegel davor schieben? Ich argumentierte mit den vielen netten zurückhaltenden indischen Reisenden, die ich schon getroffen habe. Es war ihm egal.
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Wir hatten auch oft Missverständnisse – bzw. er fasste von mir geäußertes oftmals anders auf. Z.B. wenn ich sagte, dass ich friere und dummerweise meine warmen Sachen nicht mitgenommen hatte, dachte er, ich würde mich beklagen und irgendwem die Schuld geben, dass ich jetzt so leide. Tat ich nicht, ich wollte nur bisschen rumjammern und Mitgefühl bekommen.
Dann gab es 1 Kleinkind, quasi die Prinzessin in der Großfamilie. Ein fröhliches aktives Kind. Ich fragte, ob sie auch manchmal mit Kindern aus der Nachbarschaft spiele oder so. Oh nein! Man fände es besser, wenn sie nur mit den Erwachsenen zusammen sei. Die wären lieb zu ihr und könnten ihr Sachen beibringen. Kinder in dem Alter sind oftmals aggressiv und grob. Allerdings treffe sie manchmal Cousins und Cousinen, da würde sie dann mit denen spielen. Ich hatte das Gefühl, dass er meine Fragen dazu als Kritik auffasste (prinzipiell befürworte ich auch Kinderkontakte untereinander, aber erstmal wollte ich nur verstehen).
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Und dann war da noch das mit den ärmeren Leuten. Er wurde nicht müde zu betonen, wie sie die Leute unterstützen und zB der Schule immer wieder was zukommen lassen würden und den Kindern Pullover schenken und eben „Gutes tun“. Ist ja erstmal fein. Aber irgendwann merkt man, dass die Sichtweise so ist, dass „die Anderen“ als führungsbedürftig und einfach angesehen werden. Leute die nix ohne Unterstützung auf die Reihe kriegen. Das nennt sich kastischer Suprematismus oder auch paternalistischer Kastismus. Prinzipiell vielleicht vergleichbar mit dem „White Saviour“-Gehabe.
Na, jedenfalls waren das ja ganz schön viele Reibungspunkte. Ich lavierte mich da irgendwie durch und war unzufrieden mit mir – ohne dass ich wusste, wie es mir wirklich besser hätte vorstellen können.
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Ein letzter Punkt war der Tourismus. Er bzw. sein Vater gehört zu den Pionieren in der Region. Er hat eine schöne Vorstellung davon, dass die Reisenden zu ihm kommen und er ihnen Erlebnisse beschert, die sie sonst nicht bekommen. Fair und öko und sustainable. Und er hat auch gute Programme und Ideen. Nur: er will das ganz alleine bei sich behalten. Die Exklusivität bewahren (indem man zB Orte von google maps streichen ließ). Die großen Zampanos sein. Und nicht mit anderen zusammen arbeiten. Booking.com doof. Große Veranstalter doof. Hotelbesitzer doof. Instagrammer und InfluenzerInnen doof. Umgestalter doof. Eigentlich alle doof. Aber es kommen immer weniger Touristen! Das ist auch doof. Aber da muss irgendwer anderes Schuld haben….
Übrigens ist das nicht nur sein Problem mit den weniger westlichen TouristInnen – es waren überall viel weniger als früher. Und kein Mensch weiß, warum das so ist.
Jedenfalls hatte ich mit Vielem Schwierigkeiten bei ihm. Und doch sorgte R. sich auch um mich, gab mir Wärmflasche für die Nacht, fuhr mich zum Nachtbus und hatte eben auch den Ausflug vorgeschlagen, der schon schön war. Und ein bisschen mehr hab ich am Vortag auch gesehen als wenn ich alleine mit Taxi unterwegs gewesen wäre. Ich musste jedenfalls viel darüber nachdenken. Und habe es jetzt hier im Blog aufgeschrieben – mehr nicht. Bzw. empfehlen werde ich ihn nicht und auch kein Tourismus mit ihm oder anderen Familienmitgliedern machen.
Ich verließ also irgendwann die Unterkunft und ging in den trüben Tag um trübe Fotos zu machen. Die Sonne kam den Tag über nicht raus, aber es war nicht ganz so elendig kalt. Und ich lief in Gegenden in Nawalgarh rum, die ich noch nicht so kannte. Und suchte nach anderen Bildern, die ich auch fand.
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Außerdem entdeckte ich Sachen. Bei rajasthanischen Hochzeiten sollte der Bräutigam auf einem Pferd angeritten kommen. Diese Pferde kann man ausleihen – und ich entdeckte das Gestüt, wo man sie in Nawalgarh her bekam.
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Außerdem gibt es von früher nicht nur (verlassene) Havelis sondern auch Brunnen, die man nicht mehr nutzt.
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Es gab auch Leute, aber nicht so viele.
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Am 14.1. ist jährlich das große Kite-Festival und auch hier konnte man die vielen Billigdrachen kaufen.
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Als ich bei einem Moslemfriedhof vorbei kam, sinnierte ich darüber, dass die Hindus ja mit ihrer Aschenverbrennung und Fluß-Streuung gar keine Flächen für Friedhöfe brauchen.
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Über solche eher absurd wirkenden Bilder wie dieses mit Minni Mouse freue ich mich immer.
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So ganz ohne Wandzeugs ging es dann aber doch nicht:
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Leider merkte ich, dass meine Gesundheit schon wieder nachließ. Eine Erkältung lauerte im Hintergrund und machte mich schlapp. Ich fühlte mich etwas heimwehig. Ich mochte nicht mehr neue Sachen sehen, mich mit Themen auseinandersetzen, allein sein, auf gewissen Komfort verzichten – ich wollte am liebsten daheim sein und alles sacken lassen. Durch die nicht uneinfachen Gruppenreisen mit dem ganzen Drumherum hatte ich eigentlich erstmal genug erlebt. Zwar flammte zwischendurch immer mal wieder Begeisterung auf und ich war verführt von Aspekten, die mir Freude bereiteten, aber eigentlich hatte ich keine Lust mehr und wusste nicht, wohin mit mir. Und diese Kälte fand ich auch anstrengend. Sogar die Ziegen mussten warm gekleidet werden.
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Die vielen kleinen Hundchen rührten mich an.
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Irgendwie brachte ich den Tag rum, hatte noch ein Abendessen in der Unterkunft und wurde dann zum Nachtbus gefahren. Der hat Liegeplätze, wo man sich ausstrecken kann. Ich fragte mich, wieso mir das als eine gute Idee erschien. Es war kühl, rumpelig, kein Klo da (einmal musste ich den Busfahrer bitten auf freier Strecke anzuhalten, damit ich ins Gebüsch konnte) und geschlafen hab ich auch nicht.
Viel zu früh war ich in Bundi (gegen 4:15 Uhr), wo es aber einen Tuktukfahrer gab, der in dickste Decken eingehüllt mich zu meiner Unterkunft fuhr und den Angestellten rausklingelte. Dieser ermöglichte mir einen Early Check-In zu einem akzeptablen Zusatzpreis und ich sank in einem weiteren kalten Zimmer in den Schlaf. Rajasthan hat nur ca. 3 Wochen lang im Winter ein richtiges Kälteproblem. Der Sommer mit 40plus Grad macht ihnen viel mehr zu schaffen und so sind die Innenräume alle darauf ausgerichtet, die Hitze draußen zu lassen. Die kalten Tage übersteht man mit vielen Decken. Ich vermisste weiterhin meine Daunenjacke und meine Heizung daheim.