Armenien – wie ist es als Reiseland?

06.10.2021

Ich denke, das hier ist jetzt der letzte Blogpost zu der Reise. Und so eine Art Fazit. Würde ich nochmal nach Armenien wollen? Würde ich anderen Leuten empfehlen, nach Armenien zu reisen?

 

Armenien ist so groß wie Brandenburg. Also ziemlich klein für ein Land. D.h., dass man überall innerhalb eines Tages hinreisen kann. Selbst von der äußersten Nordspitze bis zum südlichsten Punkt. Ebenso wie Brandenburg ist es nicht so eng besiedelt – es wohnen aber immerhin ca. 400,000 Menschen mehr in Armenien. Die Menschenkonzentration ist aber unterschiedlich verteilt, in Potsdam, der größten Stadt Brandenburgs, leben 180.000 Leute, in Yerevan dagegen über 1 Mio. D.h. dass es auf dem Land in Armenien wesentlich leerer ist.

 

Anders als in Brandenburg ist die Natur wesentlich abwechslungsreicher. 90% von Armenien liegen über 1.000 m – der niedrigste Punkt ist bei 380 m, der höchste bei 4.090 m. Als durchschnittliche Höhe gilt 1.800 m. Das liegt daran, dass sich der kleine Kaukasus durch den großen Teil des Landes zieht. Das Gebirge hat von versteppten Hochebenen über schroffe Felsen, canyonartigen Vertiefungen, einem riesigen See, garsbewachsenne Almen und bewaldeten Abhängen ziemlich viel zu bieten. Das macht Armenien als Reiseland definitiv sehr attraktiv.

 

Landschaft

 

Die Straßen sind auch nicht schlecht, manchmal holperig, in sehr ländlichen Gegenden Staubpisten, aber es ist auch viel asphaltiert. Taxi ist absolut erschwinglich. Aber es gibt auch Minibusse (Marshrutka), die viele Ziele ansteuern. Von Yerevan kommt man quasi überall hin – untereinander sind die Verbindungen nicht ganz so gut. Man kann sich wohl auch ein Auto mieten, aber das hat mich nicht interessiert. In den Minibussen, die von nagelneu bis uralt sein können, sitzen die Leute meistens eher ruhig und für sich. Wenn man aber Hilfe braucht und jemanden anspricht, bemühen sie sich sehr um einen.

 

Sprachlich ist es nicht einfach – es sei denn, man kann russisch. Zwar wird immer mehr englisch in den Schulen gelehrt, aber die dörflichen Gegenden hat das noch überhaupt nicht erreicht. Ich habe zwei Übersetzungs-Apps ausprobiert – und beide waren nicht gut. Man bekommt dann lateinische und armenische Schriftzeichen, aber die Leute gucken einen oftmals doch fragend an. Ich habe als Ursprungssprache deutsch und englisch in den Apps ausprobiert, immer dasselbe unbefriedigende Ergebnis. Und das geht schon bei so einfachen Redewendungen wie „Guten Morgen“ los.

 

versuchte Kommunikation

 

Insgesamt empfand ich die Leute als eher zurückhaltend – also ganz anders als in Indien 😂. Dass ich Touristin bin, haben die meisten schnell erkannt: an der umgehängten Kamera, Kleidungsstil, ggf. Tagesrucksack und evtl. auch meinen blauen Augen. Vielleicht auch noch an weiteren Merkmalen – insgesamt hatte ich auch in Yerevan selten das Gefühl mich touristisch unerkannt zu bewegen.

 

Die Menschen waren durchweg freundlich. Und wenn ich sie direkt ansprach, waren sie auch hilfsbereit. Selbst wenn wir keine gemeinsame Sprache fanden, versuchten sie herauszufinden, was ich möchte (oftmals Wegfindung). Was ich schwierig fand war, etwas zum gemeinsamem Lachen zu finden. Das kann gut sein, dass es an beiden Seiten lag. Ich habe gefühlt auf keiner Reise so selten gelacht. Ich brauche eine gewisse Grundstimmung und Gegenüber, dass ich lustige Seiten entdecke und von mir aus Rumscherze. Es ist ja nicht automatisch so, dass traurige Umstände automatisch wenig Scherz bedeuten. Ich erinnere mich an ziemlich viele Lachgelegenheiten als ich in Pakistan im Ex-Erdbebengebiet war. So viele Tote, so viel kaputt. Und trotzdem suchten viele Menschen nach einem guten Scherz. Ich denk da nochmal weiter drüber nach und beobachte mich.

 

Definitiv muss man sich darauf gefasst machen, viel Traurigkeit zu begegnen. Der Genozid von 1915 sitzt allen noch so im Hinterkopf insbesondere da es weder eine internationale Anerkennung noch eine türkische Entschuldigung gibt. Und Berg-Karabach (Arzakh) ist nicht nur Dauerthema sondern war in meinem Fall mit dem vor nicht einmal einen Jahr statt gefundenen Krieg sehr präsent. Und gerade mit diesen beiden Feinden hat man die meisten Grenzstrecken. Und dann sind da die steten sowjetischen Gebäude, die Blocks vielfach geflickt, verwitternd, zerbröselnd, die Ex-Fabriken nur noch skelettierend herumstehend und der brutal-bombastischer Beton als Skulptur oder Platzgestaltung im öffentlichen Raum.

 

Sowjetblock

 

einer der vielen präsenten Soldaten

 

Was ich definitiv über Armenien als Reiseland sagen kann: sehr wenig Tourismus (und zu gefühlt 90% russisch), sehr günstig (1 Monat 1.250,- Euro incl. Flug und Bahn zur Anreise), eine super Gelegenheit mehr über wenig Bekanntes zu lernen – und wer sich für alte Kirchengebäude begeistert, kann hier voll auf seine Kosten kommen! Als allgemeine Sehenswürdigkeiten werden hier tatsächlich hauptsächlich Kirchen und Klöster angeboten. Ich mochte davon eigentlich die versteckteren Kleinen am Liebsten.

 

Dorfkirche Old Martiros

 

Außerdem rühmt sich Armenien, den ältesten Schuh zu haben! Ausgestellt in Yerevan. Aber ich habe ihn nicht besichtigt. Es gibt auch massig gravierte alte Steine – für mich kleine Freuden am Wegesrand.

 

alte Steine in Gomk

 

Aber das Besten finde ich die Wandermöglichkeiten – durch HikeArmenia gut dokumentiert und auswählbar. Es gibt wirklich alles von kürzeren Spaziergängen bis Mehrtagestouren mit Zelt, von ebenen Strecken bis vielen Höhenmetern. Und es entstehen Jahr für Jahr neu markierte Strecken.

 

Wanderpfad durch Wald

 

Zum Übernachten hat man auch Auswahl: einfache Zimmer bei Familien bis elegantere Hotels. So wirklich toll finde ich so Buchungsportale nicht, aber booking.com  ist in Armenien eigentlich unumgänglich. Es bietet insbesondere den Familien, die nur wenige Zimmer anbieten bessere Konditionen als Airbnb oder andere. Sie haben keine Schilder draußen so dass man sie nicht finden würde. Und eine eigene Webseite wäre auch nicht so praktisch. Ich bin hauptsächlich nach guten Reviews gegangen bzw. habe dabei mein Hauptaugenmerk auf Sauberkeit, GastgeberInnen und manchmal die Lage. Dabei hatte ich tatsächlich zu 90% gute Treffer (wobei die anderen 10% auch nicht wirklich daneben waren). Das einzige, was mich gestört hat: sie hatten fast alle unglaublich dicke feste Kopfkissen.

 

Zur (touristischen) Infrastruktur gehört noch, dass es überall sehr guten Empfang gibt – besser als auf den Bergen, wo ich wohne. Und eine SIM-Karte bekommt man schnell, unkompliziert und günstig.

 

Und natürlich der Kaffee! Diese Automaten gibt es wirklich überall! Und armenisch aufgebrühten Mokka habe ich auch überall bekommen.

 

Auf den Bechern war auch Starbucks – aber innen? Preise waren nämlich nicht höher als in den anderen Automaten
alles Kaffeepulver! Gute duftend.

 

Essen war auch alles OK. Ich habe jetzt keine kulinarischen Entdeckungen gemacht außer den Honigkuchen in Tatev – aber auch nichts vermisst.

 

Würde ich noch einmal nach Armenien wollen? Vielleicht. Es hat mich gerührt. Ich habe so viel Einblick in eine ganz andere Lebenswelt bekommen. Die Berge haben mich genauso gefreut wie alle anderen Berge. Es gibt wahnsinnig viel so Kleineres zu entdecken. Aber ich glaube, ich würde es lieber zu zweit machen. Oder vor Ort mehr nach englischsprachigen Kontakten suchen (ja, es gibt auch Guides, aber irgendwie habe ich dieses Mal darauf verzichtet). Austausch und Gedanken teilen ist auch wichtig. Ich hatte immerhin diesen Blog – was auch schon für die Sortierung hilft 😁.

 

Und hier noch zwei kleine (deutsche) Entdeckungen:

 

Ich kannte keine der Marken
Touristi?