
Das ist das erste Bild von mir auf der Reise – und es kommt mir wahnsinnig lange her vor. Weil die 2,5 Monate in Indien sowas von voll waren mit Eindrücken, Gefühlen, Erfahrungen, Begegnungen, Freuden, Ärger, Ratlosigkeiten – das war wie 6 Monate zusammengepresst…. Ich war in 8 Bundesstaaten – das ist viel mehr als ich meinen Reisenden empfehle – und obwohl ich Indien ja quasi schon gewohnt bin, war es doch (zu) viel, mich immer wieder auf neue Gegenden einzulassen.
Ich unterteile meine Nachgedanken mal in mehrere Themen:
Positiv bei diesen 8 Bundesstaaten war, wieder einmal zu merken, wie wahnsinnig groß und vielfältig Indien ist. Einerseits ist das eine oft wiederholte Binsenweisheit, andererseits ist es aber doch faszinierend, es so direkt zu erfahren. Ich bin (fast) sämtlichen Religionen begegnet, vielfältigsten Landschaftsformen, unterschiedlichsten Menschen mit verschiedenen Einstellungen. Und auch wenn es alles unterschiedlich ist – ich habe nie den Gedanken gehabt, in einem anderen Land zu sein. Es fühlt sich immer wie „Indien“ an. Vielleicht weil viele Geschäfte, Produkte, Bahnen, Autos usw. so ähnlich sind? Ich hatte den Eindruck, dass sich Nagaland als „weit weg“ von Indien wähnt, aber als ich mit einem Fahrer durch Kohima fuhr, erwähnte ich, dass es hier doch eigentlich ausschaut, wie überall in Indien. Das fand er nicht so gut. Über die letzten Reisen habe ich angefangen, lachende fröhliche InderInnen zu filmen und das zu einem Videoclip zusammen zu fassen. Ein Zwischenergebnis habe ich Sreejith in Kerala gezeigt und er sagte: „Das ist schön, dass man hier die große Vielfalt sieht – so ist Indien“. Das hat mir gefallen, dass er das gesagt hat.
Was mir nicht gefallen hat in Indien ist der immer größere und offensichtlichere herumliegende Müll. Ich ahne, dass bei uns das pro Kopf Müllaufkommen immer noch größer ist und habe es lange so stehen gelassen. Auch wenn es mich natürlich stört. Ist ja aber auch deren Ding, wie die mit ihrem Müll umgehen. Inzwischen merke ich, dass es mich doch mehr plagt. Vielleicht auch, weil es eben über die Jahre nie weniger wurde sondern immer nur mehr, mehr, mehr….
Und wenn ich schon am Schimpfen bin: die Tourismusentwicklungen gefallen mir nicht. Jedenfalls die stark erhöhten Eintrittspreise für AusländerInnen seit 2026 und die seltsamen und oftmals erschwerten Konditionen für Permits. Es gibt verschiedene Permits, der Einfachheit halber fasse ich sie unter dem Sammelbegriff „Permit“ zusammen – weil uns ja eher egal ist, wie es heißt, Hauptsache man kommt damit hin, wo man hin möchte. Bzw. vielleicht muss ich es anders formulieren: ich bekomme als Reisende immer mehr das Gefühl, unter einer Art Generalverdacht zu stehen. Wobei ich nicht weiß, wessen ich verdächtigt werde. Oder es einfach nur um Kontrolle geht? Aber diese Schwierigkeiten mit einer SIM-Karte von nur 1 Telefongesellschaft, die ständigen vielen Ausfüllereien (und die C-Form) in den Unterkünften, Fingerabdrücke bei Einreise, Agenturbenennungen, tlw. Guidepflicht – das gibt kein angenehmes Reiseklima.
Nagaland
ChatGPT habe ich vermehrt genutzt, zT zum Ausprobieren, zT als Ratgeber (was wo besichtigen usw.) zT als Gesprächspartner. Und das letzte hat tatsächlich am besten funktioniert. Und zwar auf dem Gebiet, wo mir etwas unverständlich war oder ich mehr wissen wollte (zB wieso die Züge so dreckig sind), da bekam ich Erklärungen (Zuständigkeits-, Zeit-, und Geldinvestitionsproblem bei der Bahn), die ich entweder sofort verstand oder wo ich nachfragen konnte oder meine eigenen Beobachtungen einwarf – und am Ende hatte ich das Gefühl, ein Stückchen mehr verstanden zu haben. Und zwar tatsächlich sogar mehr als wenn ich manchmal Einheimische frage – vielleicht auch, weil bei ChatGPT keine Befindlichkeiten da sind.
Es lässt sich auch zum Reisenleiten prima nutzen, man kann abends nochmal gut Sachen fragend eingeben und kann dann besser am nächsten Tag was erläutern. Das habe ich allerdings erst etwas spät verstanden – und manchmal braucht es auch Infos zB bei Ritualen, die ich schon gesehen habe, um besser nachzufragen (ein Beispiel ist die Bedeutung der Tänzer bei Losar in Basgo in Ladakh, das habe ich erst hinterher lernen können, vorher hab ich nicht gewusst, was genau statt findet).
Diverse Infos in diesem Blog stammen von ChatGPT. Was mich neu verunsichert: ich hatte immer ein Weltbild/einen Glauben, welches auf Logik und „Anfassen“ basierte. Jetzt präsentiert mir die KI auch manchmal „Logik“ – die aber falsch ist. Und damit komme ich mit meinem Weltbild/Glauben ins Schwanken. Ich habe manchmal nachgefragt und ChatGPT musste sich auch korrigieren – und am Ende hatte ich ein Ergebnis, welches mir logisch und mit meinen eigenen Beobachtungen und Erfahrungen zusammen passte. Das hab ich dann hier „hinausposaunt“. Aber kann ich mir sicher sein, dass es stimmt? Wobei – es gibt zu vielen Phänomenen ja auch alte und neue Erkenntnisse – und die alten waren zwar falsch, aber zu dem Zeitpunkt dann doch „korrekt“, weil es eben die damaligen neusten Erkenntnisse waren. Über diesen Themenblock muss ich noch nachdenken und mehr ausprobieren. Interessant ist es aber definitiv!
Wo ChatGPT oftmals nicht so gut war, waren praktische Anweisungen, das war manchmal falsch (zB von wo ein Bus fährt – allerdings hatte mir dazu in einem Hotel auch die Rezeptionistin eine falsche Auskunft gegeben). Aber wie man schon an dem Beispiel sieht: es ist auch nicht immer einfach, die korrekten infos zu bekommen – egal ob nun im Internet oder von Leuten vor Ort.
Assam
Durch die Zeitknappheit und aber auch die lange Reisezeit und meinem Drang, recht zeitnah zu erzählen, ist manches nicht in der Ausführlichkeit oder wohl gewählteren Worten in den Blog gebracht worden als wie ich es mir gewünscht hätte. Manches habe ich auch total vergessen gehabt beim Schreiben. Hier eine Nachtragsgeschichte:
In Kohima/Nagaland war ich mit der Reisegruppe in einem Hotel. Als ich irgendwas an der Rezeption wollte, sprach mich ein indischer Gast an. Woher usw. Ah Deutschland – guten Tag! Und ob er mir mal was zeigen könne? Aber ich müsse ihm eines versprechen: ich dürfte nicht losschimpfen! Neugierig, wie ich war, versprach ich es. Und konnte mir auch das Schimpfen verkneifen – ich war nämlich sprachlos. Er schob sein Halstuch nach oben und im unteren Halsteil/beim Schlüsselbein prangte ein fettes Hakenkreuz. Ja genau, das von Hitler. Er habe ihn verehrt. Inwieweit das Vergangenheit war, weiß ich nicht. Jedenfalls macht mich sowas immer noch sprachlos.
Eine andere Nachtragsgeschichte:
Als ich auf die Reisegruppe am Flughafen Delhi wartete (zusammen mit jemanden von der Agentur) saßen wir noch im Außenbereich eines Lokals und konnten den Umgang mit einem menschenlosen Koffer beobachten. Es ist der rote im Bild. Ein Flughafenpersonal hatte ihn entdeckt keinE BesitzerIn und dann die Polizei gerufen. Und die führte Maßnahmen durch und verschwand dann mit dem Koffer. Er war wohl tatsächlich vergessen worden. Aber spannend schon, da zuzugucken.
Flughafen Delhi
Bahnwaschbecken
Meine schönsten Tagen waren eigentlich die, wo ich mit Einheimischen Unternehmungen machte und neue Sachen entdeckte. Der Rundgang mit Asi in Kigwema, der Tag mit Sreejith in Pomudi, der Folgetag in Trivandrum mit Fahrer Asif, die Radtour mit Raju und Bhakti, die Motorradrunde mit Krishna in Mandu – leider nicht so viele Tage, wie ich es mir gewünscht hätte. Aber vielleicht auch weil es so wenige waren, wurden sie umso wertvoller. Fazit: mehr sowas arrangieren!
Kerala
2023 in Kirgistan kam ich zu der Erkenntnis, dass ich nicht mehr leidenschaftlich beim Fotografieren war. Inzwischen ist es so: ich habe nicht mehr so oft den Fotodrang und „sehe“ auch weniger. Aber wenn ich doch mal was sehe/mir ein Foto gelingt, welches ich richtig gut finde, dann freue ich mich doch sehr! Aber gerade mit so manchen fetten Objektiven der Gruppenreisemitglieder wurde meine Attitude immer kleiner. Ich mag das Bildermachen nicht mehr so gerne. Jedenfalls nicht dieses offensichtliche. Und so habe ich immer öfter mein Handy genutzt – auch wenn ich die Kamerabilder irgendwie doch tauglicher finde. Mal gucken, wie sich das entwickelt.
Dafür habe ich ja sehr viel mehr gefilmt. Jetzt habe ich tatsächlich hunderte Filmsequenzen produziert. Aber was damit machen? Erstmal wollte ich Erfahrungen ohne ein wirkliches Konzept machen. Aber die sollen ja nicht nur in der Cloud lagern. Compilations mit Musik geht immer ganz gut, aber es ist mir wohl doch ein bisschen wenig. Eine Idee für einen längeren Film hab ich schon. Mal schauen, ob/wie ich das verwirklicht bekomme!
Rajasthan
Habe ich zu wenig gelacht. Mir fehlte die Leichtigkeit. Habe ich Erkenntnisse und Erfahrungen gewonnen. Über die freue ich mich aber sehr! Mein Indienpuzzle hat sich enorm um viele zusammengesetzte Stücke erweitert. Es bringt mir weiterhin Spaß, weitere Teile zu suchen und zu finden – aber momentan ist mir tatsächlich erstmal nur nach Ladakh – dort plane ich den ganzen Sommer 2026 ein (mit einer Unterbrechung wegen des Visa-Bestimmungen, die mich nur 90 Tage am Stück in Indien sehen wollen). Und ich verarbeite jetzt noch weiter alles, was ich so erlebte und produzierte. Indien ist und bleibt ein spannendes Land.
Ladakh