
Bevor ich zu den Nachbetrachtungen komme, will ich erstmal vom Ende der Reise erzählen. Das war nämlich nicht so, wie geplant. Wir hatten einen Flug mit IndiGo von Dimapur nach Delhi und wollten bis zum Nachmittag nochmal zum Hornbill und einigen Dörfern fahren. IndiGo hatte allerdings enorme Turbulenzen – man hatte festgestellt, dass das Personal zu viel arbeitet und zu kurze Pausen hat. Um dem Einhalt zu gebieten, sollten sie nach den neuen Arbeitsbedingungen handeln – was zu einem enormen Flugausfall führte. An Tag 1 wurden 300 Flüge gestrichen, an Tag 2 500 und für den 5. Dezember, waren 1.000 Flugstreichungen zu erwarten. Der indische Flugbetrieb versank vollständig im Chaos. Leute versuchten andere Flugtickets zu ergattern, für die sie vollkommen überhöhte Preise zahlten, andere schoben Frust, Flugstrecken waren vollkommen ausgebucht, es gab Gepäckchaos auf den Flughäfen. Wir sollten am 6.12. fliegen. In der Nacht zum 5. wurden sämtliche IndiGo Flüge von /nach Dimapur gestrichen. Um die Gruppe rechtzeitig heim zu bringen, musste ein alternativer Plan her.
Der Delhi-Kollege rannte in sein Büro und gab sein Bestes. Wir entschlossen uns, statt Programm zu machen, direkt nach Guwahati zu fahren. Dimapur ist ein kleiner Flughafen mit ganz wenigen täglichen Flügen, Guwahati hat viel viel mehr Möglichkeiten. Wenn, dann standen unsere Chancen dort am Besten. Wir machten uns auf den Weg.
Tankstopp
Während wir fuhren, bekam ich Infos. Es muss gruselig gewesen sein. Sowie der Kollege einen besseren Flug gefunden hatte und unsere Namen eingeben wollte, ging es schon nicht mehr, weil es ausgebucht war. Am Ende wurde es eine interessante Verbindung: wir sollten am frühen Morgen von Guwahati nach Jaipur fliegen und dann mit dem Kleinbus nach Delhi zum Flughafen fahren. Und genauso ging es dann auch.
In der Nacht oder am frühen Morgen kam dann die Meldung, dass die neuen Regelungen für IndiGo erstmal wieder aufgehoben wären. Es war einfach nicht zu bewältigen, man konnte sich ja nicht mehr Personal „aus den Rippen schneiden“ oder die Flugpläne reduzieren und anpassen – es war ja alles bereits bebucht. IndiGo selber rechnete frühestens ab Februar mit einem regulierterem Flugbetrieb. Monatelanges Chaos im Flugbetrieb, das schien schlimmer als auf die sofortige Umsetzung der neuen Regeln zu beharren. Für den 6. Dezember sollten also alle Flüge wieder normal operieren. Allerdings waren die Maschinen teilweise nicht da, wo sie hingehörten und es würde definitiv wieder ein ruckeliger Tag werden. Es kann gut sein, dass unser Ursprungsflug ab Dimapur doch ging – aber das Risiko war viel zu hoch gewesen.
So hatten wir eine lange Fahrt nach Guwahati, aber dort noch die Gelegenheit, den Maa Kamakhya Tempel zu besuchen. Der war dann sogar noch ein kleines Highlight für die Gruppe. Ich machte nur ein paar zusätzliche Bilder zu meinem Erstbesuch – diese nutze ich als visuelle Unterbrechungen meiner Nachgedanken. Ich war jedenfalls froh, dass ich die Gruppe pünktlich zu ihrem Heimflug in Delhi am Flughafen verabschieden konnte.
weiteres Weihnachtsbäumchen
Diese 5 Wochen Nordosten waren sehr voll und mir war klar, dass es Zeit zum Sackenlassen brauchen würde. Durch bin ich damit noch nicht. Im Blogpost vor der Reise schrieb ich: „Mein Kopf ist voll mit Infos und rauscht!“ – und das tut er heute auch noch. Üblicherweise frage ich mich nach einer Reise in eine neue Gegend, ob ich danach noch einmal hin wollen würde. Für den Nordosten habe ich ein eindeutiges Jein zur Antwort.
Was ich dort anziehend fand:
1
Was mich nicht so begeisterte
2
Zu den einzelnen Bundesstaaten:
Arunachal Pradesh
Es war mir sympathisch durch die Ländlichkeit, den Widerstand gegen die Missionierung und die Bergwelt. Die Gegenden nördlich und westlich machen mich noch neugierig. Ich kann es guten Gewissens in mein Reiseangebot aufnehmen – nur ist es noch recht einfach und ggf. unbequem von der Infrastruktur her. Ich glaube, für mich selber könnte ich 3 Wochen gut füllen – und dann gäbe es ja sogar noch Trekkingmöglichkeiten. Nur ist es – wie Sikkim – leider beschränkt, wo ich hin darf.
Assam
Majuli finde ich einen zauberhaften Ort und was ich besichtigt habe in Guwahati, Kaziranga und Sibsagar recht interessant. Auch für Tierbeobachtungen hat man hier gute Gelegenheiten (auch wenn mich das selber nicht begeistert). Es scheint mir allerdings eher so zu sein, dass es in einem großen Gebiet eher nur anziehende Inselchen gibt, aber der Bundesstaat als solcher nicht homogen begeistert und auch quasi eigen ist (wie zB Ladakh oder Rajasthan). Kann man also durchaus gut bereisen – nur ob sich da ausreichend Anziehungspunkte für zB 3 Wochen finden, wage ich zu bezweifeln.
Nagaland
Finde ich sehr polarisierend. Dieses dominierende Christengedöns finde ich für mich in hohem Maße abschreckend und führt zu Unwohlsein und inneren Widerständen. Andererseits ist es natürlich extrem spannend, welchen Weg dieser Bundesstaat geht. Reisenden kann ich es aber gut empfehlen – eben wegen der spannenden Aspekte und landschaftlich hat es auch einiges zu bieten. Die Fleischlastigkeit (es ist der indische Bundesstaat mit dem höchsten Fleischkonsum) ist zwar bisschen doof, aber man findet noch ausreichend Alternativen. Hier ist abzuwarten, wohin sich die Permit-Situation bewegt.
Meghalaya
Da war ich nun gar nicht, obwohl es mich so angezogen hatte. Ich hatte inzwischen Reisekundschaft dort, die es als den Tiefpunkt ihrer Reise bezeichnete. Ich hatte es mir eher als Höhepunkt vorgestellt. Das macht mich nun sehr neugierig und ich würde mich doch freuen, es mir einmal selber anzuschauen.
Ich denke man sieht, dass ein Wiederkommen nicht ausgeschlossen ist, die Begeisterung aber soweit fehlt so dass ich nicht sofort neue Reisepläne schmiede.
3
Diamir Gruppenreise
Da mag ich hier gar nicht so viel zu schreiben. Es war für mich eine sehr schwierige und herausfordernde Reise durch diverse Faktoren. Und die Kritik an mir als Reiseleiterin ist da und auch nachvollziehbar. Im Nachhinein hätte ich ein bisschen was anders machen können – aber so wie es war, war es mir nicht möglich gewesen. Ein Fazit: mehr ChatGPT zur Reisevorbereitung nutzen. Klingt wahrscheinlich seltsam, aber in Ermangelung von menschlicher Hilfe (die ich mir gewünscht und erwartet hatte) habe ich leider erst nach der Reise gemerkt, wie hilfreich in der Informationssortierung KI hätte sein können. Was mir sehr gut gefallen hat: die Gruppe war ein Haufen sehr unterschiedlicher ausgeprägter Charaktere, die aber zusammen recht gut funktioniert haben, d.h. es gab keine großen Animositäten untereinander. Das war nicht nur für mich angenehm, ich fand es auch einfach toll das mitzuerleben. Ansonsten ist mir diese Reise zu voll (trotz des Leerlaufs insbesondere nach Dunkelheit), zu schnell und zu Indigenenlastig. Da können eigentlich nur Oberflächlichkeiten und Infogewusel bei rumkommen.
4
Gedankenfutter
Nordost-Indien eignet sich hervorragend als Gedankenfutter, Gehirnbrizzelei und Auseinandersetzung. Da fehlt mir bisher noch ein gutes Gegenüber – bisher ist da ChatGPT meine beste Gesprächspartnerin. Ein Beispiel: Ich hatte ChatGPT nach einem Vorschlag für konkrete Reisevorbereitung gefragt. Dabei wurde mir ein link zu einer Webseite präsentiert, die diverse Verhaltenstipps gab. Über einen bin ich gestolpert und habe nochmal nachgefragt. Die Antwort fand ich einleuchtend und gut erklärt. Hier ist ein Teil der „Unterhaltung“:
Screenshot
Es hat mich nochmal wieder daran erinnert. wie wichtig auftreten und Interaktion ist. Vor Jaaaahren war ich mal mit einer indischen Bekannten in einem Slum, um mehr über das Leben der dortigen Frauen zu erfahren. Und ich platzte auch gleich los mit irgendeiner Frage. Die Bekannte rief: Hey stopp, Nana, bevor du hier Fragen stellst, musst du erstmal von dir erzählen. Die wollen doch wissen, mit wem sie es zu tun haben. Ich tat wie geheißen und es lief alles gut. Manchmal vergesse ich das, das ist dann doof. Aber so hat ChatGPT mich auch nochmal daran erinnert. Wobei ich schon glaube, dass ich nicht soooo schlecht in der Kommunikation bin – am besten ist es immer noch, wenn man was zum Lachen findet.
5
Graham Franklin
Mir fällt gerade noch eine unerwähnte Geschichte ein: Nagaland denkt zu Teilen, dass dieses ganze PAP-Getue und insbesondere die Verzögerung, es für Hornbill freizugeben, mit Reverend Franklin Graham zu tun hat. Der US‑Evangelist Reverend Franklin Graham sollte am 30. November 2025 zu einer großen Glaubens‑ und Revival‑Veranstaltung nach Kohima (Nagaland, Indien) reisen. Dort wollte er an einem Gottesdienst mit tausenden Christen teilnehmen und anschließend auch beim Hornbill Festival als Ehrengast auftreten. Allerdings wurde sein Einreise‑Visum von der Regierung Indiens nicht rechtzeitig erteilt bzw. letztlich nicht genehmigt, sodass er nicht einreisen konnte und sein Besuch abgesagt werden musste. Nagaland ist getroffen und wütend. Und mir ist es umso unsympathischer. Franklin Graham gilt als aggressiver Missionierer, LGBTQI-feindlich (und Befürworter der „Konversionstherapie“) und Islamhasser. Wie kann man einem solchen Mann begeistert hinterher laufen?
So, das war es erstmal mit der Nachbetrachtung. Vielleicht könnte ich meine Nordost-Indien-Zeit mit „an der Oberfläche gekratzt“ benennen. In mir ploppt wahrscheinlich immer noch viel auf in der nächsten Zeit, aber es ist auch Zeit, mich erstmal wieder mehr dem Hier und Jetzt zu widmen. Weil – die nächste Reiseleitung steht ja schon drängelnd vor der Tür.