Leh – Krimskrams-Tage

11. – 15. Juli 2026

 

 

Ich dachte ja, das „untypische“ wolkige Wetter für Ladakh im Juni sei vorbei, aber auch der Juli ist ziemlich durchwachsen. Ich bin ja froh, wenn es nicht so heiß ist, aber trotzdem komisch. Dafür fließt seit einigen Tagen wieder Wasser durch die ganzen Kanäle in Leh – die waren bis dahin völlig trocken. Man fragt sich ja sowieso, wie das funktioniert mit dem Wasser. Leh hatte schon immer ein Problem damit und durch die ganzen neuen Hotels und auch die vielen sich oft duschenden indischen Reisenden ist der Wasserbedarf immer höher. Hier hat inzwischen quasi jeder Bau einen Grundwasserzugang. Aber der muss natürlich auch immer tiefer gebohrt werden. Gletscherschmelzwasser und Schnee werden immer weniger. Die Vision, dass Leh austrocknet, scheint mir nicht völlig absurd. Ich selber fühle mich an meinem heimischen Wohnort relativ sicher gelegen bzgl. der Klimaveränderungen, aber wie ist das wohl, wenn einem so dramatischere Visionen öfters vor Augen geführt werden?

 

Es gibt ansonsten auch weitere interessante Phänomene. Die Klöster hier sind ja recht wohlhabend und haben in Leh Shopping Complexe mit Mieteinnahmen und investieren auch in Hotels usw. Und eines der größten Hotelbauvorhaben gehört einem einzelnen ladakhischen Mönch, der im Ausland durch Sponsoren recht gut zu Geld gekommen ist.

 

Mir geht es weiterhin körperlich nicht total super, aber immerhin so gut, dass ich zumindest in der Stadt bin und dort Leute treffe. Allerdings knipse ich dabei blöderweise nicht so viel. Außer z.B. meinen leckeren Americano-Kaffee mit feinem Kuchen bei Lobzang. Da habe ich wieder mit Markus und Valentin rumgehockt und aus dem Leben erzählt. Zwar auch Reisegeschichten, aber nicht so diese mich eher langweilenden hohleren à la wo kommst du her-wo gehst du hin-wie ist es da-ich geb dir jetzt lauter Tipps, wo man was am günstigsten bekommt usw.

 

 

Und abends hatte ich dann doch genug von meinem Haarwuchs. Nix Helmchen oder Heiligenschein. Ich ging zu meinem Stammfriseur. Das war ziemlich interessant. Neben mir war nämlich ein ladakhischer Mann, der die volle Packung „Beauty Parlour“ bekam mit Cremes und Lotions und Dampf und alles, was zu einem „Facial“ dazu gehört. Ja, das sei jetzt seit einiger Zeit auch im Angebot. Er zB würde sich das 1-2 x im Jahr gönnen. Nur so.

 

 

 

Ich hatte zwei Optionen: längere Frisur à la Meret Becker früher oder den Vorschlag vom Friseur: alles wieder ab.

 

 

Ergebnis: Friseur gewann…..

 

 

Dann habe ich mich um Kaufwünsche von FreundInnen gekümmert. Einer wollte ein spezielles Thangka. Da hab ich einen versteckten Kruschelladen gefunden mit wirklich tollen Teilen. Die waren allerdings auch (gerechtfertigt) sehr teuer. Aber es war schön, bei dem Mann herumzukruscheln. Auch wenn ich doof gucke bei einer Demonstration, wie groß so ein Teil ist.

 

 

 

Außerdem hab ich weiterhin bei Nawang und den Pashminaschals herum geguckt. Die kann man ja sowieso prima verschicken (das erste Paket ist gut angekommen – mit Sendungsverfolgung!). Nawang hat einen Herrn angestellt: Santosh. Der ist auch super nett und hat gute Ahnung und so. Er ist aus Nepal und fliegt jetzt aber demnächst heim. Für ungefähr einen Monat. Warum? Er wird Vater! Und damit wurde ich auch wieder an einen großen Kulturunterschied in Paarbeziehungen erinnert: selbst während Schwangerschaft ist man hier oftmals sehr lange getrennt. Manchmal sind die Väter nicht einmal zur Geburt daheim. Daheim bestimmt ein riesiges Thema für ein Paar – hier absolut normal.

 

Hier demonstrieren wir Schallängen/größen:

 

 

 

 

Außerdem war ich bei einer tibetischen Bekannten, die ich hier immer in ihrem Mode-Laden für einen Schwatz aufsuche. Man kann ganz prima mit Dolma plaudern, und sie hat diese zugewandte Warmherzigkeit, die mir gerade sehr gut tut. Sie hat auch total tolle Kleidung in ihrem Laden – nur ist das alles leider nicht mein Stil. Aber andere sind hier schon gut fündig geworden. Angenehmerweise hat sie Mode im Angebot, die hier sonst eher niemand hat und ragt somit aus der oftmals eher Einheitsware heraus. Wir haben auch von früher erzählt. Sie ist 10 Jahre jünger als ich und in Indien in Karnataka geboren. Sie hatten damals im letzten Haus in einer Sackgasse gewohnt. Es gab keine privaten Klos und so sind immer alle zusammen gemeinsam aufs Feld gegangen – nach Geschlechtern getrennt. Da hat man dann gehockt und geratscht und als Kind fand sie das prima. Auf jeden Fall interessant, wie unterschiedlich das mit öffentlicher Hygiene ist. Hier in Indien vielfach noch vorhanden. Ich komme manchmal an einem kleinen Häuschen vorbei, wo Arbeiter wohnen. Die haben ihre Ganzkörperwaschgelegenheit direkt hinter der zu niedrigen Mauer und manchmal seh ich die da auch sich einseifen.

 

 

Und ich war bei Sonam, bei der ich auch schon öfters genächtigt hatte. Damals war das neue Haus innen noch im Umbau – und jetzt konnte ich in einer der schönsten Wohnküchen sitzen. Haben sie sehr schön gemacht mit einem Mix aus Tradition und modernen Annehmlichkeiten.

 

 

Als ich einmal abends meine Wäsche abholen wollte, war sie noch nicht fertig, so dass ich auch in der Stadt zu Abend gegessen habe. Dafür habe ich eine neue Pizzeria ausprobiert und war begeistert von einer Zucchini-Pizza, die ich nicht so hübsch fotografierte. Aber die war sowas von lecker! Besser als so manche Pizza daheim. Apropos Zucchini – den gibt es hier noch nicht so lange (meine Pferdemänner kannten das gar nicht – haben wir aber lecker mit Auberginen zusammen gekocht), aber ich wette, die wird sich noch gut durchsetzen. Wächst hier jedenfalls auch gut an.

 

 

Dann habe ich auch nochmal wieder mit Nina bei Lobzang gesessen und geratscht und kein Foto gemacht. Aber was ich davon unbedingt erzählen muss: gegen Ende kam noch ein Australier rein, der schon lange nirgendwo mehr dauerhaft wohnt. Er handelt mit speziellem aufwändig handgemachtem Schmuck. So gar nicht meins, aber die gezeigten Stücke sahen schon sehr toll aus. Und dann outete er sich im Laufe des Gesprächs als Verschwörungsgläubiger. Wo seien denn die ganzen verschwundenen über 1000 Kinder hin, wenn nicht bei den miesen Eliten gelandet? Das war mir zuviel und ich war froh, die Flucht ergreifen zu können. Aber ist schon interessant, was man manchmal für Leute unterwegs trifft.

 

Ansonsten bin ich auch gut damit beschäftigt, Filmchen für meinen Youtube-Kanal zusammen zu basteln. Ziemlich spannend, sich in so ein neues Medium einzufuchsen. Aber es fällt mir nicht ganz leicht und so nehme ich gerne die Hilfe vom Chatprogramm in Anspruch. Es hilft beim Sortieren meiner Gedanken, bei der Planung und oftmals auch mit den Texten. Und manchmal lässt es mich lachen – ist „Intellectual Honesty“ nicht ein toller Ausdruck?:

 

 

Ich geh ja manchmal in Indien in den Beauty Parlour – weil ich das total gerne mag, wenn jemand an mir herum hantiert. Und hier ist es absolut erschwinglich. Nur hab ich in Leh nie gewusst, wohin und durch Zufall habe ich jetzt einen Salon einer absoluten Perle entdeckt. Yangchen hat nicht nur einen sehr sauberen gepflegten Raum sondern betreibt ihr Gewerbe ebenfalls mit absoluter Liebe und Warmherzigkeit. Sie hat es ganz damals angefangen, von ihrer Schwester zu lernen, die die erste Ladakhi Ende der 80er mit einem Beauty Parlour war. Und später hat sie dann ihre Ausbildung in Dehradun absolviert. Ich wurde auf eine Liege gelegt, zugedeckt und mit Cremes, Lotions, Tinkturen, Dampf, Masken und was weiß ich nicht alles behandelt. Am Ende war mein Rücken doch nicht mehr ganz so froh und sie hat mich dann noch wieder gut massierend zurecht gebogen. Ganz liebevoll und mit so „wissenden Händen“.  Und mein Gesicht schaut ja tatsächlich 10 Jahre jünger aus!

 

 

 

 

Und dann gab es noch einen vergnüglichen Abend mit Überraschungsgast! Nina, die früher auch mal eine Saison an der Secpad-Schule gearbeitet hatte, wo ich das Kamerakidz-Projekt gemacht hatte, hatte zum Abendessen eingeladen. Sie hat die ganzen Jahre guten Kontakt zu einem der ersten Kamerakidz gehabt – Lobsang Stobdan, der hier neben ihr sitzt. Den hab ich die Jahre über auch manchmal gesehen, aber immer nur kurz. Er ist im Tourismus tätig, wo er in diversen Funktionen Geld verdient. Wie auch schon damals ein lustiger netter Kerl, der inzwischen Vater von 3 Kindern ist. Jetzt gab es mehr Gesprächszeit. Und vorne links sitzt ein weiterer Ex-Schüler, der nie in meiner Fotogruppe war, den ich aber trotzdem kannte: Stanzin Chomdan. Ich hab die ja damals alle nur als Kinder gekannt und jetzt sind sie erwachsen und ich erkenne sie im Prinzip nie wieder. Chomdan ist Mountaineering Guide geworden und besteigt mit Kundschaft die hiesigen 6.000er. Und ich glaube, er macht das wirklich prima, wirkt gut stark und verlässlich und außerdem fröhlich und aufgeweckt. Ist wirklich interessant zu sehen, was aus den einzelnen Kindern so geworden ist – prinzipiell mehr als man damals dachte. Und klar, viele – insbesondere die Jungs – sind im Tourismus.

 

Der nette junge Mann neben mir ist Fahrer und kein Ex-Secpad-Schüler. So konnte er nicht mit Erinnerungen daran aufwarten, aber hatte trotzdem guten Spaß. Und die Pizza da: sehr lecker! Eigentlich lustig, dass italienische Küche ja nicht nur in Deutschland schon lange beliebt ist, aber auch von den „fremden Küchen“ in Indien sicherlich die erfolgreichste ist.

 

Nina wohnt übrigens in Thailand, ist aber aus Norddeutschland, wo sie auch Weihnachten hin möchte. Und so haben wir uns schon für ein Treffen da verabredet!

 

 

Und noch eine kleine Beobachtung: als ich so krank war und weinte, war die Reaktion der Ladakhi, die mich im Zimmer aufsuchte: „Don’t cry! Don’t cry!“. Das fand ich doof, ich hatte so viel Kummer im Gefühl, dass ich dem durch Weinen Ausdruck verleihen wollte. Und dann wollte ich getröstet werden. Und nicht, dass mir jemand anwies, ich solle mit dem Weinen aufhören. Und Nina ist im Prinzip dasselbe passiert. Mit denselben doofen Gefühlen dazu – dass man eben kein Mitgefühl zeigte, sondern die störenden Gefühle weg haben wollte. Ich hab den einen gefragt, warum das so ist. Er sagte, es tue ihnen so leid, dass jemand unglücklich ist und so wollen sie ganz schnell, dass das wieder aufhört. Scheint hier auch zu funktionieren, die Leute besinnen sich dann vielleicht auf die schönen Seiten des Lebens. Zumindest mein westliches Gemüt aber nicht, es fühlt sich nicht gesehen und damit noch unglücklicher. Interessant!

 

Manchmal scheint auch am frühen Abend und ich mache einen Spaziergang. Dabei versuchte ich „untypische“ Ladakhbilder zu machen, die aber trotzdem interessant sind.

 

 

 

 

 

 

 

Auch ich sehe hier ein bisschen komisch aus. Und damit beende ich diesen Blogpost – der nächste kommt von einem anderen Ort!