
Das Unterwegs-Sein in Indien ist genauso aufregend wie das Bahnfahren in Deutschland bzgl. der leicht bangen Frage, ob wohl alles so klappt wie gedacht. Mich hat bisher noch nicht die indische Gelassenheit erfasst und so war ich nervös, ob meiner Fahrt nach Manali. Ich war ziemlich weit vom Bus Terminal entfernt und fuhr entsprechend viel zu früh los, da man ja nicht genau weiß, wie lange es mit Staus etc. wirklich dauert. Diesmal konnte ich endlich eine Taxi-App nutzen und das war viel viel günstiger und klappte bestens. Ich war viel zu früh da und schwitzte mich durch das riesige Kashmere Gate mit über 50 Plattformen und weiteren Abfahrtsplätzen draußen drum herum. Busse kamen, wurden vollgeladen und reisten ab, Menschen warteten, liefen hin und her, Verkäufer versuchten Proviant, Bücher und Nackenkissen loszuwerden und ich mühte mich mit der Digitalisierung ab. Einerseits wird in Indien total viel über das Handy erledigt, andererseits telefonieren und sprechen sie aber auch noch super gerne – und ich tat es ihnen gleich. Die Digitalisierung meines Busses hatte ein bisschen Schwierigkeiten (zB weil ich bei Buchung meine deutsche Whatsapp-Nr. angab, die App aber mit meiner neuen indischen SIM versorgte und das Live-Tracking nicht funktionierte). Und so telefonierte ich ganz oft mit einer Nummer bzgl. des Abfahrtsortes meines Busses. Ich hatte solche Angst, ihn irgendwie nicht zu finden, weil: es hieß Plattform 50, aber da waren immer nur Busse mit anderen Zielen. Um die Geschichte abzukürzen:

Die Busse in die Berge fahren überwiegend nachts (InderInnen haben nur knappe Ferienzeiten und müssen somit zusehen, wie sie Zeit einsparen, die sie urlaubend woanders verbringen wollen), sind sehr bequem ausgestattet mit guter Beinfreiheit und verstellbaren Rückenlehnen. Sie sind tatsächlich auch sehr gut in Schuss und sauber. Und ich hatte Glück: ich saß ganz vorne und neben mir war der Sitz frei bis auf einige Stunden, wo da ein Mann saß. Wir fuhren tatsächlich ziemlich genau die angepeilten 11,5 Stunden, der Busfahrer machte nur 2 Essens/Teepausen und fuhr sehr sicher und konzentriert. Trotz meiner bequemen Lage schlief ich eher nicht, mein Körper hatte unangenehme Unruhe (hab ich manchmal). Die Toiletten bei den Rastplätzen waren erstaunlich sauber und sogar mit Klopapier ausgestattet.
Hier noch ein paar Bilder von der Fahrt:









Ich war die einzige westliche Reisende (es waren auch im Flieger nur eine Handvoll und auf dem großen Bushof sah ich auch kaum andere westliche Gesichter).
In Old Manali hatte mir ein befreundeter Agenturkollege eine Unterkunft organisiert – und da hatte ich eine Art emotionalen Anfall. Der Empfang war eher unfreundlich, die Anlage lieblos (außer die Zimmereinrichtung), keine der Angestellten lächelten mich an, beim Frühstücksangebot fehlte die Hälfte und als ich erfreulicherweise früh einchecken konnte und in das Bett sank, fing mein Zimmernachbar an, zu laut nervige Technomusik zu hören.
Ich hol hier jetzt mal ein bisschen aus:
In Manali war ich schon 1992 – es war ein Backpacker- und Kifferparadies. Es galt schon damals als recht voll, aber das hat sich inzwischen alles verzehnt- bis verhundertfacht. Die KifferInnen wanderten eher weiter in ein anderes Tal, aber in Old Manali, einem speziellen Ortsteil, hält sich noch einiges. Inzwischen sind da viele Israelis und „cool-sein-wollende“ InderInnen. Man flaniert, hängt ab und feiert. Und direkt nebenan ist noch ein ganz beschauliches Dorfleben, wo traditionell gekleidete Leute ihrer Land- und Viehwirtschaft nachgehen. Ich hab hier öfters einige Zeit verbracht, nicht mit feiern und flanieren, sondern mit Laptoparbeit und Spaziergängen. Das klappte noch gut – aber jetzt fühle ich mich eindeutig too old for Old Manali.
Und dann ist da noch das andere Manali und quasi das ganze Kullutal, wo sich ein indischer Massentourismus seinesgleichen ausgebreitet hat. Nachdem Kaschmir wegen Bürgerkrieg nicht mehr als Flitterwochenparadies funktionierte, wanderte man nach Manali ab. Hier gibt es romantische Bergkulisse, die Möglichkeit, Schnee zu sehen, ein paar Tempel und paar andere Freizeitaktivitäten. Es ist ja nur eben diese 11,5 Fahrstunden von Delhi entfernt und man kann hier sehr gut der Flachlandhitze entfliehen. Und da sich die akzeptabel verdienende Mittelschicht enorm vergrößert hat, können sich das auch Viele leisten und fallen wie die Heuschrecken im Mai/Juni hier ein. Danach kommt Monsun und es dünnt sich wieder aus.
Aber was verrückt ist: die werden hier nicht der Bergwelt Herr und jedes Jahr gibt es wieder Überschwemmungen und Erdrutsche, die Straße ist oftmals weg und wird wieder aufgebaut und ein Wahnsinnsverkehr wälzt sich durch das Tal. Eigentlich kann man hier nicht mehr hin fahren. Andererseits ist es praktisch für den Weg nach Ladakh/Zanskar/Spiti und in den Dörfern drum herum an den Berghängen ist tatsächlich noch naturnahe Ruhe. Aber man hat immer den Blick in dieses vollkommen zerbaute Tal.

Zurück zu meiner Situation: ich floh weiterhin ungeschlafen der unwillkommenen Unterkunft, mailte meinem Kollegen mein Unglück, ging durch die Hauptgasse nach oben, fühlte mich vollkommen allein und fehl am Platz – und fand doch noch das alte Dorfleben und einen einsamen Punkt zum Berggucken.

Trotzdem wollten sich meine unglücklichen Gefühle nicht beruhigen, ich hab sogar ein bisschen geweint und fühlte mich aber wie eine kleine Drama-Queen. Später hab ich da nochmal drüber nachgedacht. Das passiert mir nämlich manchmal, dass insbesondere wenn ich mich nicht willkommen fühle und es aber vielleicht auch noch der Start zu etwas „Größerem“ ist, ich total heftig reagiere und mich so quasi pubertär dramatisch unglücklich fühle und mein „Erwachsenen-Ich“ sich vollkommen diesen Gefühlen ausgeliefert fühlt. Wirklich interessant. Im Laufe des Nachmittags drehte sich dann tatsächlich wieder alles.
Ich war ein bisschen im aussöhnenden Dorfteil, in einem ruhigen schönen Waldstück, traf meinen Guide (dazu später), der sich rührend um mich kümmert, ich bekam eine neue Unterkunft für den Folgetag (hab schon mal geguckt und wurde tatsächlich sehr herzlich/freundlich empfangen) und fühlte mich nun doch nicht mehr so allein und unwillkommen.
Nochmal zur heftigen Bergwelt hier. Im Vorjahr ist ein Bergfluss so angeschwollen, dass er die Brücke zu Old Manali abriss und auch ziemlich viel von den Rändern wegfraß.

Das besorgt die Leute schon sehr und da man sich ja sowieso nicht auf gute Befestigungsarbeit verlassen kann, ist vielleicht mehr auf die Götter zu zählen und man ist damit strikter. D.h. es ist vielfach Zutritt verboten, u.a. kann man eine ganze Wandertour nicht machen, weil der dort stehende Tempel weitläufig gesperrt wurde. Es gibt hier sehr sehr viele sehr kleine Tempelchen – das Kullutal nennt sich auch „Valley of Gods“.


Der Abend barg dann noch eine weitere Überraschung für mich. Ich ging in ein Lokal, zögerte noch, ob ich dort wirklich was verzehren wollte und wurde von einem Inder angesprochen. Ob ich aus Hamburg sei? Ja, aber…. ach ja, ich trug ja mein St. Pauli Hoodie. Woher er das kennen würde? Arpit hat 8 Jahre in Deutschland gelebt und dort seinen Master in IT gemacht und was gearbeitet usw. Er ist aus Kota, der selten besuchten Stadt in Rajasthan, wo ich im Januar war. Was er an den Deutschen ja bewundere sei die körperliche Aktivität, sie würden so viel zu Fuß gehen und Fahrrad fahren usw. Er habe sich da was abgeschaut und versucht das nun auch seinen Freunden schmackhaft zu machen. Es hat ihm ziemlich gut in Deutschland gefallen, aber er kritisiert an sich, dass er sich nicht genug Mühe mit der Sprache gegeben habe. Damit sei ihm doch einiges entgangen. Er sprach auch deutsch – aber wir haben dann recht schnell ins englische gewechselt. Jedenfalls gehörte das zu diesen schönen Begegnungen, die ich eher auf Reisen habe: man trifft sich irgendwo, hat ein bisschen Zeit, erzählt sich viel vom Leben – und geht dann einfach wieder auseinander. Das mag ich.

Und manchmal sieht man sich ja doch irgendwo wieder. Das ist nämlich das nächste Lustige: Raju und ich sind uns 2012 schon mal begegnet! Raju ist ein hiesiger Guide, den ich von jemandem aus Zanskar empfohlen bekam. Sie kennen sich von einem Winter, wo sie auf dem tibetischen Markt in Pushkar Sachen verkauft haben. Raju habe ich für 3 Tage gebucht, um zu wandern. Und auch weil ich inzwischen weiß, dass ich nicht mehr ganz so gerne so alleine bin. Und man mit einem Guide auch nochmal so einiges erfährt.
Also 2012. Da war ich in Zanskar und es gab Unruhen, weil eine große niederkastige buddhistische Familie zum Islam übergetreten war und die religiösen Gemeinschaften dann in Streit gerieten. Es gab eine Ausgangssperre und ich war für 2 Tage/Nächte glaube ich in einer Unterkunft in Padum gefesselt und durfte nicht raus. Niemand durfte raus. Und der Raju, der hatte damals da gearbeitet! Und erinnerte sich an mich (ich hatte damals gefärbte lange Haare, sah also ziemlich anders aus) und dass er noch ein Müsli aufgetrieben hatte, womit er mich sehr glücklich gemacht hatte. Ich erinnerte mich nicht mehr wirklich an ihn, nur so vage, dass ich die Zeit da ganz alleine mit den Angestellten war, sonst gab es keine Gäste.
Am nächsten Morgen entschied ein indischer Gast, sich morgens um 6:00 vor mein Zimmerfenster zu setzen und lauthals zu chanten. Manche Inder spinnen wirklich! Ich beschwerte mich bei ihm und er zog mit einem zerknirschten Sorry-Sorry sofort ab. Immerhin hatte mich meine gute Laune wieder: ich musste dann wieder im Bett nämlich ziemlich darüber kichern. Incredible India!
Und jetzt hab ich hier schon wieder so viel erzählt, dass meine Wandertage mit Raju alle zusammen in den nächsten Blogpost kommen.