Himalaya Sommer 2026 – Nachgedanken

05. Oktober 2026

 

 

Einerseits ist die Zeit gerannt und mir scheint, ich habe gar nicht so viel erlebt, wie ich es in 4,5 Monaten hätte erleben können, andererseits war es doch ziemlich viel und wenn ich an den Anfang zurück denke, kommt es mir sehr weit entfernt vor. Womit jetzt anfangen?

 

Die Tour entsprach nicht so sehr dem, was ich mir vorher ausgemalt hatte, wie es alles sein würde. Nasenbluten und Höhenasthma wurden sehr bestimmend und ich bin sehr unfroh darüber, dass ich nicht den Changthang – mein Lieblingsgebiet – weiter erkunden konnte. Ich wollte ja noch schnell viel unternehmen bevor mein Körper mit einen Riegel vor vieles schiebt. Allerdings war ich erstaunt, dass der Riegel sich vor anderes schob als ich erwartet hatte.

 

Wenn ich so direkt an die Zeit zurück denke, haben zwei genau entgegengesetzte Gefühle die Oberhand. Ich habe mich ungefähr über genauso viel furchtbar geärgert wie ich mich über anderes gefreut habe.

 

 

Ärgern

Im Prinzip hatte es sich bei meiner vorherigen Reise schon angebahnt, also der Ärger. Bei der Reise überwogen Permits und Eintrittskosten als Ärgernisse, hier kamen SIM-Karten-Stress, Overtourism, Lieblosigkeit und Preis-Leistungs-Verhältnisse dazu. Gerade Manali und Leh waren so proppenvoll, dass ich selber nicht so wusste, wohin mit mir und auch nicht, warum ich wen hier noch herlocken soll. Ich habe gerade mächtige Tourismus-Krise…..

 

Ich habe mit manchen Kollegen diskutiert – und mit der KI. Prinzipiell scheint mir das Gefühl vorzuherrschen, dass „Indien“ nicht wirklich erpicht auf westliche Reisende ist. Man kommt sich vor wie ein Gegenstand von Misstrauen (man könnte falsches Visum beantragen und in Wirklichkeit Spionage betreiben, sich in indische Angelegenheiten mischen, Terrorismus unterstützen, illegal hier wohnen oder was auch immer) – oder auch einer „Walking Wallet“, d.h. man ist nur auf „unser“ Geld erpicht, hat aber kein Interesse, ob wir uns wohl fühlen. Man zahlt manchmal viel – und bekommt wenig. Und eben: man ärgert sich öfters.

 

Und immer wenn ich auf Kleinigkeiten stieß, die mir diese Theorie zu untermauern schienen, bin ich gleich innerlich explodiert und wollte nix mehr mit Tourismus (in Indien) zu tun haben.

 

Neben diesen Hindernissen von Indien aus gesehen fühle ich mich aber auch irgendwie so allein mit dem, was ich anbieten möchte – im Gegensatz zu dem, was mir gefragt zu sein scheint. Diese Tendenz, in kurzen Reisen viel reinzupacken und Oberflächlichkeiten anzuhäufen und da zu sein, wo „alle“ sind, ist nicht das, was ich offerieren will. Aber der Tourismus scheint finanziell so zu funktionieren. Dabei sind doch diese ganzen Entdeckungen und Begegnungen das, was einem wirklich Freude bereitet. Das würde ich gerne organisiert weitergeben. Und das macht es aber alles so schwierig. Ich brauche Menschen, die das wollen, Menschen, die mich auch finden und anfragen und Menschen vor Ort, die das alles mittragen.

 

Freuen

Das oben galt jetzt alles für Indien – in Nepal wurde es anders. Schneller Visa-Antrag, unkomplizierte SIM – und überall offene Arme, um einen willkommen zu heißen. Zwar ärger ich mich dort auch über einiges, aber gerade meine Kritikpunkte an Indien wurden hier ganz anders gehandhabt. Und man kümmerte sich überraschend um Sauberkeit – das war sehr angenehm.

 

Während ich also so abgeschreckt war von dem bestehenden Tourismus in Indien und frustriert von meinen körperlichen Einschränkungen, hatte ich aber die Gelegenheit, genauer in manchen Gegenden herum zu gucken und da habe ich ganz schön viel gefunden, was mich gefreut hat. Am schönsten fand ich Entdeckungen und insbesondere Leute, die etwas Neues wagten, mit Liebe und Leidenschaft etwas angingen, neugierig waren, etwas versuchten.

 

Aber nicht nur neue Leute haben mich gefreut, auch die Begegnungen mit welchen, die ich schon kannte, waren schön. Und die Landschaften, die mich weiterhin staunen und freuen ließen.

 

 

Nicht-Allein

Seit 1991/92 bin ich sehr viel allein auf Reisen gewesen. Es haben sich wenige mit gleichen Interessen, Zeiten und Zielen gefunden. Dafür habe ich vor Ort immer mal wieder Leute gefunden oder bin mit meinem Allein-Sein gut zurecht gekommen. Auf dieser Reise hat sich das alles ziemlich umgedreht. Zwar hat mir auch vorher schon öfters gut gefallen, wenn ich manchmal nicht-Allein war, aber diesmal wurde mir sehr deutlich, dass es mir soviel besser geht, wenn ich gemeinsam bin. Dabei ist es egal, ob das mit Leuten aus der Heimat ist oder mit temporären Guides oder auch „nur“ Horsemen, mit denen ich keine gemeinsame Sprache habe. Wenn ich zurück denke an meine „guten Tage“, sind das immer die, wo ich nicht-allein war, also Nepal mit Ute und Beate, Manali mit Raju, Zanskar mit Lameth und Rinchen, Kharu mit Tsering, Stok mit Tamchos, Sham-Valley mit Rinchen, die Zeit mit der „Andrea-Truppe“ und der Trek mit den Horsemen.

 

Das will ich mir unbedingt für die Zukunft merken und nicht mehr alleine planen – oder wenn, mir dann schon vorab Kontakte vor Ort suchen. Es heißt, dass man alleine mehr Kontakte knüpft. Für mich stimmt das gar nicht, ich bin zu zweit/dritt offener für Andere.

 

 

Liebe

Die Liebe scheint mir je älter ich werde, desto wichtiger zu sein. Ich habe gelitten, wenn man mir gegenüber muffelig oder egal war – und ich war so dankbar, wenn man mir liebevoll begegnete. Aber die Liebe war nicht nur mir gegenüber wichtig sondern auch, wie man allgemein seine Umwelt gestaltete. Hat man sich in Unterkünften Mühe gegeben mit Kleinigkeiten, Sauberkeit und willkommener Atmosphäre? Ich war sofort begeistert. Mangelte es daran? Ich wollte sofort wieder weg. Oder litt vor mich hin.

 

Und ich merke, wie ich selber diese Liebe brauche um sie auch weitergeben zu können. Aus mir allein heraus schaff ich es nicht. Und gerade in fremder Umgebung scheint es mir nochmal bedeutsamer zu sein.

 

 

Knipsen und Filmen

Für mich waren zwei Dinge neu:

  • ich hatte Ehrgeiz entwickelt, Filme kreieren zu wollen. Ich finde es sehr spannend, wie es mit der Erzählerei in einem neuen Medium funktioniert. Und wie ich da meine eigene Form finden kann. Es sind so viele Aspekte: Die Filmaufnahmen (wo ständig etwas fehlt, was ich nicht aufgenommen hatte), die Herstellung der Aufnahmen (ich finde auch den Unterschied interessant zwischen einem schnellen Fotoklick und einem längeren Fokus auf das, was ich wie filme), die Sichtweisen (da fühle ich mich noch total am Anfang mit den ganzen Möglichkeiten der Kameraführung) – und dann die Editierung und Narration hinterher. Spannend, spannend. Mit Instagram komme ich weiterhin nicht zurecht, aber wie sich mein Youtube-Kanal entwickelt, das finde ich sehr spannend. Geld möchte ich damit nie verdienen, aber ich hätte gerne Resonanz und Motivation. Hier ist der link zu meinem Youtube-Kanal.
  • Ich habe keine Kamera mehr sondern ein neues Handy. Man kann leichter zwischen Film und Photo hin- und herwechseln. Es passt in die Hosentasche und ist schnell zur Hand. Teilweise haben mich die sehr guten technischen Ergebnisse überrascht. Andererseits bin ich mir nicht so sicher, inwieweit es meinen Bildern wirklich gut tut. Aber da sowieso so wahnsinnig viele Leute mit ihren Handys hantierten und aufnahmen, verlor ich prinzipiell öfters die Motivation, eigene Ergebnisse zu produzieren. Ein bisschen habe ich angefangen, die analoge Herangehensweise zu vermissen.
  • Durch das parallele Aufnehmen von Photo und Film konnte ich zwar weiterhin gut meinen Blog weiterführen, was mir weiterhin wichtig und lieb bleibt, aber mir war es auch ein bisschen zu viel, in beiden Medien „zu denken/sehen“. Mir scheint, beide Qualitäten haben etwas darunter gelitten. Zwar brauche ich für beides „mein Auge“, aber es sind doch so unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen, dass ich nicht beide mit bester Konzentration bedienen kann. Darüber muss ich für die Zukunft noch nachdenken.

Column 1

 

Column 2

Fazit und Aussicht

Ich gebe meiner Reiseagentur noch ein Jahr. Auch wenn ich manchmal gerne sofort einen Schlussstrich gezogen hätte, haben mich Menschen doch wieder neu motiviert. Aber wenn Indien mich zu doll ärgert und/oder meine Ausgaben meine Einnahmen überschreiten, dann ist wirklich Schluss. Jetzt hoffe ich aber doch noch einigen Leuten meine Reiseangebote zukommen lassen zu können.

 

Ich hätte erstmal keine neuen Pläne, Indien zu besuchen. Mein 5-Jahresvisum ist noch bis Ende August 2027 gültig. Es gibt Gründe, da doch noch wieder schwach zu werden: neue spannende Gegenden zu erkunden und/oder mit den lieben Menschen verbunden zu bleiben und weiterhin Nischen zu suchen und besuchen. Aber für die Höhen muss ich mich auch erstmal um mein Höhenasthma kümmern. Laut KI ist da nicht Hopfen und Malz verloren sondern es bedarf besserer oder speziellerer Vorbereitung. Oder doch lieber ein neues Land anvisieren?

 

Ich bin jedenfalls selber ganz gespannt, von wo mein nächster Blog kommt!