
Der Plan war: Tsering Dolma bringt mich zu mir, fährt dann auf Familienfeierlichkeiten und holt als letztes ihre Tochter heim. Die Realität war: der Vicepresident von Indien war auf Besuch und für ihn wurde der Highway gesperrt. Das bedeutete Umwege und diese waren auch noch verstopft, da manche Gassen so schmal waren, dass sich Auto und Trucks verknäulten. Wir haben dann ca. 3 Std. für die 35 km gebraucht…

Wir haben dann den Plan geändert. Die Familienfeier wurde abgesagt und wir haben eines der besten Hotels in Leh besichtigt. Tsering Dolma war da auch sehr neugierig drauf. Es gibt nur 7 Cottages und alles ist im Stil gebaut aus Zeiten der Großmutter der Besitzerin. Aber eben vermischt mit den feinsten Annehmlichkeiten. Ist tatsächlich sehr schön geworden und das Personal war auch nett.


Gespeist haben wir aber woanders. Es entwickelt sich dort zu meinem „Stammlokal“ – ich war nun schon das dritte Mal dort. Ist das nicht lieb mit der Zitronendeko?


Ich hätte noch länger in Kharu bleiben können, aber ich hatte eine Verabredung für den nächsten Tag. Mit Susanne bin ich zur Sankar Gompa gelaufen. Ich muss unbedingt schauen, welche Wege noch funktionieren, welche Orte man besuchen kann und was man alles noch unternehmen kann. Eigentlich hätte ich Museen und Initiativen besuchen wollen, aber die waren Sonntags alle zu. Auch die Sankar Gompa war zu und als sich nach geraumer Zeit ein Mönch blicken ließ, wollte er nicht aufsperren, sondern erst abends.
Dafür kam eine nette Truppe herein, zückte die Zeichenblöcke und zeichnete drauf los. Ihr Lehrer war ich glaube aus Bangalore, hatte einige Jahre in der Stadtplanung Berlin gearbeitet und sprach gutes deutsch, Und ein anderer junger Mann war aus dem Changthang und hatte einiges ua von seiner beeindruckenden Schwester erzählt. Ich hoffe, ich kann sie besuchen! Es geht um die Zukunft der Kaschmirziegen.


Außerdem besuchten wir den empfohlenen Schokomonk. Die Betreiberin ist tatsächlich aus Bangalore, hat eine bezaubernde Ausstrahlung – und fertigt köstlichste Pralinen! Meine war mit Tsampamehl, was erstmal seltsam klingt, aber total lecker schmeckt.


Meinem Rücken ging es wieder ziemlich gut und ich fing an, Pläne zu machen! Hauptsächlich visiere ich einen Trek mit Start 27. Juni an. Aber zuvor wollte ich unbedingt die Meinung von Sonam-Physio einholen. Glücklicherweise hatte sie Zeit für mich. Und ich habe sie auch fotografieren dürfen.

Sie tastete und bog und ruckelte an mir herum, ich bekam nochmal Maschine und Pflaster und Wärme – und die Empfehlung einer Rückenstabilisierung für das Wandern. Aber grundsätzlich spricht nix dagegen, bald wieder zu starten. Ich habe also dieses Teil erstanden:

Und weil die Mittagszeit im Büro schon vorbei war, hab ich vor Ort gespeist – einen meiner Reiseklassiker, der immer mal wieder sein muss: Pommes, Cola und Lassi.

Das Wetter ist übrigens sehr bescheiden, ziemlich kühl (ich trug Wollpullover), kaum Sonne (wenn, dann sticht sie allerdings) und manchmal auch ein bisschen Regen. Das geht ja eigentlich schon den ganzen Juni so. Wenn ich in die Wolkenberge schaute, war ich nicht ganz so betrübt über die Trekkingverzögerung.

Die Tage passierte nicht so viel. Ich hing am Laptop rum, machte kleine Spaziergänge, schaute, was ich noch unternehmen könnte, ärgerte mich, wieviel Trekkingpferde heutzutage kosten, aß mittags im Büro usw.

Nur für den 26. wurde es nochmal spannend. Seit einigen Tagen ist Muharram und am 10. davon die große Ashura-Prozession. Ashura wird nur von den Shia-Muslims gefeiert, wovon es in Ladakh weniger gibt als Sunnis. Aber es waren dann ganz schön viele. Das hier ist ihre zugehörige Moschee:

Im Mittelpunkt steht die Erinnerung an die Schlacht von Karbala 680. Husain ibn Ali wollte nach dem Tod seines Bruders dem neuen Herrscher nicht dienen, weil er fand, dass dieser korrupt war und sich gegen die islamischen Prinzipien stellte. Mit einer kleinen Gefolgschaft (auch Familien waren dabei) machte er sich auf den Weg nach Kufa, wo ihm weitere Leute Unterstützung zugesagt hatten. Aber er kam nie an. Bei Karbala wurden seine Leute von einer Übermacht abgefangen und eingekesselt. Tagelang wurde ihnen Wasser vorenthalten und als sie dann so richtig fertig waren, haben sie angegriffen und alle Männer wurden getötet (Husain enthauptet) und Frauen und Kinder gefangen genommen.
Dieses Ereignis teilte die Moslems in Shias und Sunnis, für die einen war er ein Held, der unbedingt verehrt werden musste. Und so macht man an diesem Tag eine Prozession, wo es Trauergesänge gibt und man sich auf die Brust schlägt. Natürlich nur die Männer.




Bei der großen Erste-Hilfe-Station habe ich Chorol getroffen. Sie ist Apothekerin und hat aber auch noch mehr medizinische Kenntnisse und musste arbeiten.


Warum ist sie so verpackt? Und wer wird hier erwartet? Genau deswegen war ich auch da – ich bin nämlich doch zu neugierig und wollte es mal selber gesehen haben. Es geißeln sich nämlich auch einige Männer voll blutig und dann geht es ihnen nicht mehr gut. Und obwohl alle Ladakhis, denen ich erzählte, dass ich hin wollte, entsetzt abwinkten und meinten, es sei ganz gruselig, hatte ich einen inneren Drang, es sehen zu wollen. Ich ahnte, dass ich mich sensationslüstern und voyeuristisch vorkommen würde – und trotzdem „musste“ ich selber gucken, um zu spüren, was ich nun darüber fühle und denke. Bzw. mich wundern Religionen und religiöse Menschen sowieso und sie faszinieren mich aber auch, weil sie so wirklich ganz anders sind als ich mir vorstellen könnte, jemals zu sein.
Also hab ich geguckt, gefilmt und geknipst (nur Zugucken geht nicht, beim knipsen/filmen geh ich näher ran und gucke genauer hin).






Diese Geißelungen fanden hauptsächlich bei der Ersten Hilfe statt und das war auch richtig so, weil gefühlt die Hälfte zusammen brach und medizinisch versorgt werden musste. Der Kopf scheint Ziel Nr. 1 zu sein. Und manche wirkten vollkommen ekstatisch und weggetreten und widerständig bzgl. Behandlung. Sie hatten immer wieder gut zu tun – und manche wurden in die Ambulanz verfrachtet und in das Krankenhaus gefahren.


Zwischendrin gab es sehr sehr viele, die einfach nur sangen und die Arme reckten und sich auf die Brust schlugen. Einerseits faszinierend, andererseits schüttelte ich innerlich doch sehr den Kopf. Die Shia-Gemeinde scheint das inzwischen auch nicht mehr ganz so gut zu finden und fordert die Leute auf, doch lieber Blut geordnet zu spenden und es nicht einfach herunter fließen zu lassen. Aber manche hält das nicht ab.

Frau sein, nah dran sein und fotografieren schien übrigens null Problem, man hat mich vollkommen ignoriert bzw. manchmal Wasser angeboten. Ich wollte eigentlich schon gehen, konnte dann aber weiteren Bildern nicht widerstehen.




Mein Fazit: Glaube ist mir wirklich sehr fremd, aber ein faszinierendes Phänomen, wobei ich auch viel über mich nachdenken muss. Es kommt mir beides nicht wirklich „richtig“ vor: hinzugehen und möglichst dicht dran sein – oder wegbleiben und damit es eigentlich zu ignorieren.
Ich bin also froh, es mir angeschaut zu haben – und muss das aber wohl nicht noch einmal machen.

Frauen gab es auch, aber die prozessierten nicht und waren wohl bei der Moschee. Ich war davon relativ weit weg und habe nicht mehr geguckt.
Gutes Kontrastprogramm zum für den nächsten Tag geplanten Trekking…..