
Nach einem Frühstück in nettem Ambiente (aber ohne Americano – schnief schnieef) bin ich durch Old Manali zum Treffpunkt spaziert. Das Wetter sah nicht so schlecht aus. Hier sieht man ein bisschen das alte und neue Old Manali.


Wir wollten eine kleine Wanderung machen. Raju hatte gleich die erste Überraschung parat: er zeigte mir ein Bild mit einem deutschen Kunden. Ich guckte flüchtig hin. Der hätte ihm erzählt, dass er mit einer Japanerin verheiratet sei, die bei der UN arbeitete. Ich horchte auf und guckte nochmal genauer hin (ich hatte keine Brille auf). Das war tatsächlich mein Cousin Soenke! Der, den ich ganz am Anfang dieser Reise in Greater Noida traf. Dem hatte ich damals einen Trip nach Manali und dem Tirthan-Valley organisiert. Dass wir jetzt tatsächlich denselben Guide haben – das ist doch ein Wunder wenn man bedenkt, wieviele Guides es hier gibt. Und der Kontakt zu Raju ist für uns beide auch auf völlig unterschiedlichen Wegen zustande gekommen. Kleine Indienwelt!

Zuerst gab es nochmal die Schäden durch den letzten (oder vorletzten?) Monsun zu sehen, wo der Fluss wahnsinnig angeschwollen war und Brücke und Umgebung mit sich mitgerissen hatte. Raju kennt einen, der ein kleines nettes Dhaba dort hatte. Der ist jetzt woanders hin, wo die Geschäfte nicht so gut laufen.


Und dann sind wir in den Wald nach oben. Die Luftfeuchtigkeit war ziemlich doll und ich fing sofort das Schwitzen an. Ich mag das nicht so gerne. Aber dann wurde der Pfad flacher und man ging sehr lange einen sehr netten Höhenweg am Berg entlang. Den kennen kaum Leute, dabei ist er wirklich prima, da man direkt von Manali los läuft, er nicht schwer ist und auch noch schön schattig, was bei Hitze gut ist. Man hat oft Ausblicke über das Tal. Die waren allerdings nicht ganz so schön, weil es viele viele Monsunwolken gab.








Da der Weg jetzt nicht super lang war, rasteten wir öfters und guckten herum. Zeit für ein paar Worte zum Tourismus in Manali. Auffällig ist schon, wie der sich in den letzten 3 Jahrzehnten geboomt hat und immer und immer mehr Unterkünfte gebaut wurden, Autos durch das Tal wälzen und Restaurants bevölkert werden. Dabei ist die indische Hauptreisezeit eher nur 3 Monate: April bis Juni. Juli + August ist wegen Monsun ziemlich tote Hose und ab September zieht es nochmal ein bisschen an. Und wer verdient nun daran?
Tatsächlich die Einheimischen! Die ganzen Unterkünfte wurden von Leuten außerhalb gebaut. Aber die dürfen das Land nicht besitzen. Es gibt die Section 118 des Himachal Pradesh Tenancy und Land Reforms Act (1972), die das Land unverkaufbar macht an nicht-Himachalis. Aber sie dürfen pachten und das macht die hiesige Bevölkerung für gutes Geld bzw. auch eher überteuerte Preise. Die Pachtverträge laufen über 10 – 99 Jahre und die Landbesitzer sind fein raus: sie bekommen Geld, haben aber null Geschäftsrisiko mit dem Bau darauf (manche bauen natürlich aber auch selber). Wer sein Land nicht verpachtet, hat meistens Apfel- und andere Obstbäume darauf zu stehen.
Äpfel sind einerseits ein gutes, aber auch anstrengendes Geschäft. Man muss wahnsinnig viele Pestizide spritzen, da durch (Monsun)feuchtigkeit, Monokulturen, immer resistentere Schädlinge und optische Perfektionsansprüche viele Herausforderungen da sind. Ökologischer Apfelanbau ist hier nirgends. Das war tatsächlich auch schon 1992 wo, wo mir eine Reisende erzählte, dass sie mal nach sehr viel Apfelverzehr zum Arzt musste. Ursache waren tatsächlich die ganzen Pestizide, da sie die Äpfel nicht ordentlich gewaschen hatte. Wenn man hier also einen Apfel angeboten bekommt (passiert manchmal), muss man unbedingt erstmal ordentlich waschen – oder schälen.
Mit den Äpfeln kann man trotzdem auch recht gutes Geld machen. Allerdings macht man nicht so viel selber, zumindest nicht das Pflücken, das machen meistens Nepalis. Oftmals pflücken die Frauen (für zu wenig Geld) und die Männer tragen die schweren Körbe zum Auto. Dafür bekommt man 100 INR pro Gang – und bei ca. 15 Gängen sind das 1500 INR pro Tag – gar nicht mal so schlecht. Aber natürlich auch eine schwere doofe Arbeit. Das hat uns dieser Nepali erzählt:

Dieses Jahr ist es allerdings vielfach bisschen mau. Es hat nämlich heftigen Hagel zur Blütezeit gegeben und somit tragen viele Bäume nicht so gut.
Wie man sieht, hatten wir Glück und keinen Monsunregen. Aber durch die hohe Luftfeuchtigkeit schwitzte ich doch ziemlich und fand alles etwas anstrengend. Zu Mittag waren wir an einem kleinen Dorftempel in Kangal, wo es auch noch schöne alte Häuser gab. Und einen alten Herrn, mit dem Raju sich unterhielt. Der kannte nämlich Rajus Vater (zur Erinnerung: seine Eltern sind geschieden und er hat keinen Kontakt zum Vater, über den er nicht gut spricht).






Auf dem Weg nach unten ging es zT durch hohe Vegetation (es ist schon erstaunlich, was der Monsun die Pflanzen hier wachsen lässt) und es gab ein bisschen was zu gucken, zB einen Mülleimer mit Dach und Kunst.





Hier kürze ich jetzt mal etwas ab und springe gleich zum nächsten Tag. Der begann nass. Es regnete und sah so nach norddeutschem Landregen aus. Es fiel mir schwer, mich aufzuraffen. Aber Verabredung ist Verabredung und so ging es los. Zuerst sah ich diese interessant bemalten Autorikshaws – die gehören zu einer Rallye oder so, wo die Buchenden mit diesen eine lange Strecke in Indien bewältigen.


Wir sind dann in einen Bus und fuhren durch den Regen nach Kullu.



In Kullu war es etwas trockener, aber der Bus zur Weiterfahrt schon überfüllt, der nächste erst in 1 Stunde und so haben wir eine Autorikshaw genommen. Das war ganz gut, da es inzwischen schon relativ spät war. Aber insgesamt stellte sich die Zeitgestaltung als perfekt heraus.



Die Rickshaw fuhr uns den gegenüberliegenden Hang voll weit nach oben. Dort gab es Mittag in einem Shiva-Dhaba mit Reggae-Musik.

Und dann ging es den Hang hinauf und ich hatte (mal wieder) einen Indienkoller und total vor mich hingeschimpft wegen dem herumliegenden Müll, den herumlungernden Leuten, die nix tun, um es hübscher zu machen und überhaupt. Alle ca. 200 m stand ein Mülleimer, der allerdings nicht so geeignet war. Er war nämlich offen und die Affen mussten gucken, ob sie noch was Feines finden. Dadurch landete mancher Müll wieder draußen. Warum hatte man das nicht berücksichtigt und gleich geschlossene Mülleimer aufgestellt?



Es war ja Monsun und keine Saison, von daher waren viele Verkaufsstände und Dhabas geschlossen.

Der Weg war ansonsten recht hübsch und oben hatten wir dann das totale Wetterglück! Der Himmel war aufgerissen und man hatte beste Sicht!






Wo sind wir denn überhaupt hingelaufen? Ziel war Bijli Mahadev, ein Tempel, wo ich 2012 schon mal war. Ich wollte nochmal nachgucken, wie es jetzt ist. Und hier gibt es zwei Geschichten dazu. Zuerst einmal, warum das Kullutal Kullutal heißt und wie es entstand:
Früher trieb dort ein Dämon namens Kulanta sein Unwesen in dieser Gegend. Der hatte die miese Idee, sich in eine riesige Schlange zu verwandeln, sich quer durchs Tal zu legen und den Beas-Fluss aufzustauen. Sein Plan: das komplette Tal samt allen Menschen und Tieren einfach absaufen zu lassen. Dämonen sind wirklich fiese und gemeine Wesen! Aber es gab ja Shiva! Der sah sich das Ganze von oben an und dachte sich: Nicht mit mir! Er ging zu der Riesenschlange und flüsterte ihr ins Ohr: „Hey Kulanta, dein Schwanz brennt!“ Als sich das Monster verwirrt umdrehte, um nachzuschauen, nutzte Shiva die Sekunde und schlug ihm den Kopf ab. Ha! Cooler Shiva! Der gewaltige Körper der Schlange erstarrte zu Stein – und genau daraus entstanden die Berge rund um das Tal. Aus „Kulanta“ wurde über die Jahrhunderte der Name Kullu.
Und hier nun die Geschichte zu Bijli Mahadev:
Nach dem Kampf bat Shiva die Götter um etwas Ungewöhnliches: Alle paar Jahre sollte Indra (der Gott des Donners) einen gewaltigen Blitz direkt in seinen Tempel auf dem Gipfel jagen. Shiva wollte die zerstörerische Energie der Blitze selbst abfangen, damit die Dörfer und Menschen unten im Tal verschont bleiben. Genau das passiert dort immer wieder: Ein Blitz schlägt mit voller Wucht in den hölzernen Fahnenmast des Tempels ein und zerschmettert den steinernen Shiva-Lingam im Inneren in tausend Einzelteile. Der Priester sammelt danach die ganzen Splitter auf und klebt sie mit einer Paste aus ungekochter Butter (Makhan) und Sattu (geröstetem Gerstenmehl) wieder zusammen. Nach ein paar Tagen ist der Lingam wie durch ein Wunder wieder komplett fest und sieht aus wie vorher – bis zum nächsten Einschlag.
Das ist die Geschichte, aber in Wirklichkeit ist es etwas anders: Jedes Mal, wenn der Blitz den Mast zerstört oder das Holz nach einigen Jahren verrottet, wird ein ganz bestimmter Baum im Wald ausgewählt – meist eine extrem hohe, kerzengerade Himalaya-Zeder. Der Baumstamm wird im Wald von den Dorfbewohnern geschlagen, gesegnet und in einer feierlichen Prozession von Hand den ganzen Berg hochgeschleppt und wieder aufgestellt – mit alten Mastteilen unten herum. Interessanterweise schaut das gar nicht aus wie Holz sondern Stein – ist aber wohl wirklich sehr festes Holz.
Mit dem schönen Wetter habe ich zu viele Bilder gemacht – hier eine Auswahl:








Ganz schön viele geschnitzte interessante Details! Prinzipiell dienen alle dem Schutz des Tempels.
Hier oben gab es schöne Wiesen und auch tolle Blicke nach unten zum Zusammenfluss von Parvati und Beas sowie dem Flughafen Bhuntar.



Beim Abstieg waren die Affen nicht mehr an den Mülleimern sondern kaperten ein geschlossenes Dhaba und versuchten an die weggeschlossenen Vorräte zu gelangen.

Und dann war da ein Bus, der sich die schmalen Straßen gekonnt nach unten schraubte. Dabei war der Verkehr so geregelt, dass er immer schon wusste, wo er anhalten musste um einem nach oben fahrenden Bus vorbei zu lassen. Die Straße war nämlich eher einspurig.


Unten hüpften und schaukelten wir dann wieder im nächsten Bus nach Manali und mit einer Autorikshaw bin ich nach Old Manali und trotz des absoluten Bijli-Mahadev-Glücks war ich irgendwie nicht so guter Laune über die gammeligen Busse und die schlechten Straßen, wo es manchmal nicht so klar ist, wer zuständig ist und man sich sowieso lieber das Geld in die eigenen Taschen steckt, und so wird man dann durch Schlaglöcher geschleudert und es ist anstrengend.
Für den nächsten Tag war Ruhetag angesagt! Ich habe das Gefühl, dass ich das wirklich brauchen kann! Zuviel Grummelei meinerseits.