
Am Morgen war es rührend. Rinchen und Angchuk haben sich so super gerne gemocht, dass es ihnen schwer fiel, sich zu verabschieden. „A very emotional moment“ sagte Angchuk bei deren innigen Umarmung. Aber dann haben sie sich doch voneinander losgerissen und wir sind mit Elsa losgewandert.
Elsa ist aus Frankreich, ihr Alter habe ich total vergessen und hat nach unzufriedener und turbulenter Zeit gedacht, dass es nicht verkehrt sei, sich länger in der großen asiatischen Welt umzuschauen, was es woanders noch so gibt und wie es ihr alleine mit sich geht. Sie war vorsichtig und kündigte an, dass sie evtl. nach kurzer Zeit alleine weitergehen würde. Soweit kam es aber nicht. Sie blieb.
Zuerst ging es nach unten. Ich dachte immer, dieses Tal sei ein Teil von Yangthang, aber Angchuk sagte, es gehört zu Hemis Shukpachen. Dabei ist das von dort mit einem Pass getrennt und von Yangthang läuft man nur nach unten.


Der Fluss floss hübsch durch das Tal und hinten bei den Bergspitzen zogen dunklere Wolken auf. Aber die haben sich nur bedrohlich verhalten und sind gar nicht näher gekommen.


Es ging noch ein Stück Straße entlang und dann konnte man auf einen Abkürzungspfad ausweichen. Oben am Pass haben wir lange rumgesessen und fröhlich runtergeguckt und geschwätzt.




Überhaupt hatten wir andauernd Schwätzpausen und festgestellt, dass wir uns gut verstehen. Und so haben wir für die 2-Std.-Strecke eher 4 Std. gebraucht. Angchuk hatte die deutsche Mülltüte mit Inhalt zum Entsorgen behalten und Rinchen eine neue Tüte mitgegeben. Die hat er schnell wieder voll bekommen und Elsa und ich hatten auch alle Hände völler Müll.



Hemis Shukpachen ist ein riesiges Dorf, welches sich das Tal sehr weit nach unten zieht. Hier scheint man Gestein abzubauen, aber es waren keine Arbeiter zu sehen.

Angchuk hatte uns eine Unterkunft empfohlen – von der ich leider vollkommen enttäuscht war. Ich war früher öfters mit Gruppen dagewesen und fand sie ziemlich prima. Inzwischen hatte sie ihren Namen gewechselt, den Eingang ausgebaut, aber es fehlte Herzlichkeit und auch Investition in Erneuerungen und Liebe. Z.B. war der Mülleimer in meinem Bad sehr voll, es stand noch eine angebrochene Flasche mit Löffel herum, die Bettwäsche war nicht erneuert und nur oberflächlich geputzt. Aber es war nicht so gruselig, dass wir gleich wieder gehen wollten und so blieben wir. Aber gerade der Vergleich mit allen drei Unterkünften vorher war nicht so gut.
Aber wir hatten ja auch noch was vor und sind raus. Es sollte noch eine Nonne hier leben. Zuerst sind wir zu dem Kloster davor gegangen. Da habe ich früher manchmal einen Mönch angetroffen. Diesmal war niemand da und der Schlüssel steckte. Also rein.





Prinzipiell kann ich Klöstern nur zum Besichtigen nicht ganz so viel abgewinnen. Um es für mich ein bisschen interessanter zu machen suche ich die Wandgemälde nach Seltsamigkeiten ab. Auch hier wurde ich etwas fündig. Was hat der mit dem blauen Gesicht auf dem Kopf??? Und weil wir hier so alleine waren und die beiden tatsächlich nicht so viel über Buddhismus wussten, habe ich versucht, ihnen einiges mit Beispielen aus dem Lebensalltag etwas näher zu bringen. Das war schön.
Und dann sind wir nach nebenan, wo eine alte Nonne neben einem kleinen Haufen Aprikosen hockte und sie bearbeitete. Wir hockten uns dazu, unterhielten uns etwas, wurden nach drinnen zum Tee eingeladen und folgten dem gerne. Ani Zangmo ist ca. 83 Jahre alt. Mit 15 entschied sie sich für ein Nonnenleben. Die Möglichkeiten in Hemis Shukpachen waren nicht so pralle – es gab einige Frauen, die ein Nonnenleben angingen, prinzipiell aber statt zu lernen auf den Feldern geschuftet haben. Das änderte sich dann in den späteren 1990er Jahren als Ani Palmo – wie schon im vorherigen Blogpost erwähnt – sich für die Nonnen stark machte. Sie zog auch SpenderInnen aus der Welt an und so hat Ani Ditta, eine holländische buddhistische Nonne, hier unterstützend eingegriffen und den Nonnen in Hemis Shukpachen ein Heim gebaut. Jetzt konnten sie beisammen sein, ihrer Praxis nachgehen und mussten nicht mehr auf den Feldern schuften. In der Dorfgemeinschaft gewannen sie an Achtung und wurden dann auch zu Ritualen heran gezogen.
Allerdings waren sie auch schon recht alt, Nachwuchs ist gleich woanders hin (zB Chulichan oder auch direkt nach Dharamshala oder Südindien) um dort in klösterlicher Gemeinschaft zu lernen. Und so starben die alten Nonnen nacheinander und jetzt ist nur noch Ani Zangmo da.




Aber sie sagt, sie hat es gut. Es ist genügend zu essen da, sie hat einen Platz zum Schlafen, die Dorffrauen kommen immer wieder vorbei zur Gesellschaft und Unterstützung und manchmal schlafen sie auch dort. Sie braucht nichts. Rinchen war dankbar, dass sie erkannte, dass sein ladakhi nicht so gut ist und sich darauf einstellte und ihm alles in einfacheren Worten erklärte.
Wir haben gerne beieinander gesessen und es war uns eine berührende Begegnung. Nur ich war vielleicht ein bisschen frustriert, weil ich das Haus noch in viel besserem Zustand kannte und sah, wie jetzt alles verfiel. Zusammen mit der alten Frau.
Sie wollte nichts, aber Elsa und ich haben ihr doch einen größeren Schein in die Hand gedrückt und gesagt: für die Klosterräume nebenan. Und sie möge uns dann in ihren Gedanken besonders bedenken. Bzw. ich habe mir lieber die guten Gedanken für meinen Papa gewünscht. Ich fühlte mich gerade ausreichend zufrieden. Ani Zangmo hat dann das Geld genommen und ist nach unserem Abschied los, um sich nebenan um die dortigen Rituale zu kümmern.


Hier sieht man übrigens ein ladakhisches Phänomen an Rinchens Füßen, mit welchem ich mich nicht so anfreunden kann. Vor dem Eingang stehen meistens diverse Schuhe rum und wenn man rausgeht, nimmt man nicht unbedingt die eigenen, sondern schlüpft in die, die einem gerade zupaß kommen. Und wenn man dann später rauskommt und gerne seine eigenen anziehen will, kann es passieren, dass diese schon an anderen Füßen unterwegs sind. Für den Dorfgang hat er also nicht seine eigenen Schuhe anziehen wollen.
Und wir sind dann noch zur großen Buddhastatue hoch, haben runtergeguckt und uns über „Discobeleuchtung“ gefreut.



Das Abendessen war gut, aber obwohl noch ein Mönch und ein alter Mann im Esszimmer waren, gab es keine gemeinsame Kommunikation – und so haben Elsa und ich uns etwas mehr über das Alleinreisen und Frausein und das Leben unterhalten. Und sie und Rinchen haben sich für einen Zanskartrip verabredet.
Ich habe mit den Beiden eine sehr angenehme „Dreisamkeit“ erlebt. So eine erstaunliche Leichtigkeit und Verbundenheit für eine kurze Zeit, wie man sie nicht so oft erlebt, aber dann sehr genießt. Und vielleicht war auch besonders schön, dass wir das am Morgen noch so gar nicht geahnt haben, dass es so gut funktionieren würde.