Aryan Valley – Alexander, Arier und Schwangerschaftstourismus

11. – 13. Juni 2026

 

 

Es gibt da eine Region in Ladakh, die nach Khaltse dem Indus weiter folgt. Die nannte sich Dah-Hanu-Region und war mit Genehmigung seit 1994 für ausländische Reisende bis zu dem Ort Dah geöffnet. Gekommen sind nicht viele. So hat man nochmal nachgelegt und 2010 die gesamte Straßenschleife bis Kargil geöffnet (es geht da recht nahe an der pakistanischen Grenze entlang) und das Gebiet in Aryan Valley umbenannt.

 

Dort lebt das Volk der Brokpa bzw. streng genommen sind das ca. 1500 Leute in 5 Dörfern: Dah, Hanu, Beama, Garkone und Darchiks. Mir scheint, man kann da endlos recherchieren und sich in Definitionen verlieren. Optisch geht es um Leute, die auffälligen Blumenkopfschmuck tragen, u.a. auch im Alltag, deren Gesichtszüge anders aussehen als von den Ladakhis und die auch eine andere Sprache sprechen. Dann gibt es noch Kategorien von Geschichte, Religion usw. – und ich muss gestehen, dass ich dann leicht anfange, das Interesse zu verlieren.

 

Jedenfalls gibt es Ursprungsgeschichten. Eine ist, dass sie von der Armee Alexander des Großen abstammen sollen, dessen Soldaten sich hier vergnügt oder sogar niedergelassen haben. Aber so ganz kann die Geschichte nicht stimmen, da nachgewiesen wurde, dass sie hier nie durchgekommen sind. Und die Distanz es damals schon wegen der Berge unwahrscheinlich macht – war ja kein Tagesausflug von da, wo die Armee auf Feldzug war.

 

Nun zu den Aryans/Ariern. Ich versuche es mal zusammen zu fassen. Sprachforscher haben Ende des 18. Jhdts. Verwandtschaft gewisser Sprachen festgestellt, die fortan als indogermanische Sprache bezeichnet wurden. Und in den ältesten indischen Schriften (den Veden) und persischen Texten bezeichneten sich die dortigen EinwandererInnen selbst als Árya (Sanskrit) oder Ariya (Altpersisch). Das bedeutete schlicht „die Edlen“ oder „die Ehrwürdigen“. Es war ein rein sprachlicher und kultureller Begriff für die Menschen, die diese Sprachen sprachen. Im 19. Jahrhundert entstand dann aus einer „Sprachfamilie“ eine „Rassenidentität“ (alles natürlich aus Europa definiert). Die ursprünglichen „Arier“ seien eine physische Menschenrasse gewesen – hochgewachsen, hellhäutig, blond, blauäugig und allen anderen Rassen intellektuell überlegen. Sie hätten einst Europa und Teile Asiens erobert, sich dann aber durch Vermischung mit den lokalen Bevölkerungen selbst geschwächt. Als britische Kolonialbeamte, Vermesser und Anthropologen im späten 19. Jahrhundert das indische Grenzgebiet zu Tibet kartografierten, stießen sie auf die Brokpa. Für die Forscher war das ein visuelles und linguistisches Fest: Das lokal gesprochene Brokskat war näher am Sanskrit als das nachbarliche ladakhi/bodhic, sie waren eben hellhäutiger usw. – und irgendwie kamen sie dann darauf, dass dieses wahre Arier sein müssten. Sogar quasi die letzten reinen Arier! In der westlichen Reiseliteratur wurde das Tal fortan als eine Art „lebendes Museum“ romantisiert. Man fantasierte, diese Menschen seien vor Jahrtausenden eingefroren und hätten ihr Blut „rein“ gehalten. Was in meinen Kopf nicht wirklich rein geht, da von etwas hellhäutiger usw. bis blond, großgewachsen usw. doch ein ziemlich weiter Weg ist.

 

Und um diesen ganzen Mythen noch einen drauf zu setzen, stieß ich vorab bei google-AI auf einen Eintrag:

 

 

Ich habe da erstmal nur sehr kurz recherchiert, das war doch zu absurd! Gefunden hatte ich noch dieses von Manzoor Ahmad Khan aus dem Jahr 2018:

 

 

Auf der Reise habe ich dann noch meinen Guide gefragt – es wird immer abstruser….. Er sagte, er habe davon gehört, dass in den 1990ern (seit 1994 ist das Gebiet geöffnet) ca. 20 deutsche Frauen mit dem Flugzeug gekommen seien, sich Fahrräder gemietet hätten (damals gab es in Ladakh gar keine Fahrräder….), zu den Brokpas geradelt seien, einen Monat da blieben und alle schwanger wieder heim kehrten.

Ich: Aber wieso hätten sie das machen sollen?

Er: Im 2. WK sind doch die ganzen deutschen Männer gestorben, da gab es doch einen Mangel an ordentlichen Ariern und deswegen haben die woanders danach gesucht.

Ich: Aber zwischen WK-Ende und 1990ern ist doch viel zu viel Zeit vergangen, da hätte man mit 1 Arier Mann und 10 Arier Frauen schnell für Ausgleich sorgen können?

Er: mhm, ja, stimmt wohl

Ich: Und was haben die Frauen der Brokpa-Männer dazu gesagt?

Er: Die deutschen Frauen haben Geld gegeben!

Ich: Schwängerung fremder Frauen gegen Geld ist also akzeptiert.

Er: Aber jetzt ist das wohl eher nicht mehr so!

 

Ich bin ein bisschen perplex. Und als ich zurück war, habe ich doch noch etwas weiter recherchiert. Wenn man bei Youtube „Pregnancy Tourism Aryan“ eingibt, spukt es massig Videos von Indern (eher nicht von Inderinnen) aus, die sich mit dem Pregnancy Tourism beschäftigen.

 

Außerdem sagt Gemini dieses:
„Der konkrete Ursprung des Schwangerschafts-Gerüchts geht auf einen Reisebericht aus den 1980er Jahren zurück. Der indische Alpinist und Autor H. P. S. Ahluwalia berichtete 1980 in einem Buch, er habe auf einem Kulturfestival der Brokpa drei deutsche Touristinnen mit rechtsextremem bzw. neonazistischem Hintergrund getroffen. Diese hätten ihm gegenüber geäußert, sie seien in die Region gereist, um sich in der Hoffnung auf ein „reinrassiges arisches“ Baby von Brokpa-Männern schwängern zu lassen. Obwohl es sich hierbei höchstwahrscheinlich um einen extremen, isolierten Einzelfall handelte, griff die Boulevardpresse die Geschichte dankbar auf. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Story durch Dokumentationen (wie The Aryan Sagaim Jahr 2006) und reißerische Medienberichte weltweit multipliziert und so dargestellt, als handele es sich um ein florierendes, organisiertes Geschäft.“

 

Was für ein Tal! Was für Geschichten! Ich mag ja eigentlich gerne Geschichten, aber das hier ist mir doch eine Nummer zu viel. Und es wird eben auch touristisch „ausgeschlachtet“. Mit der Umbenennung in Aryan Valley (früher hieß es einfach Dha-Hanu-Area), die Betonung auf „letzte reine Arier“ und der Herausstellung der Visualität in der Tourismusmarketing-Strategie und dem Schwangerschafts-Tourismus-Mythos nicht deutlich zu widersprechen wird hier für einen „Faken Kulturtourismus“ geworben, dem ich trotzdem eine weitere Chance geben wollte.

 

Ich hatte Kontakt zu einer Unterkunft in Garkone, die auch ein Museum betreibt und mir einen Guide aus dem benachbarten Beama besorgte, der sich mit mir und meinem Hexenschuss-Rücken in den Bus setzte. Dieser tuckerte 7 Stunden auf eigentlich guter Straße die 180 km entlang. Ich hatte ein Permit, aber wenn man im lokalen Bus sitzt, hat der Busfahrer keine Lust auf Extrawurst am Checkpost und fährt einfach durch. Überhaupt musste der Busfahrer alles alleine machen, er hatte keinen der üblichen Helfer/Kontrolleure dabei.

 

 

Auf der Fahrt durch Ladakh staunte ich doch nochmal mehr, wie aus diesen früher absolut freien Flächen inzwischen Besitz entstanden war – Umzäunungen, Hausskelette, Gebäude, Firmen. Ladakh war seiner Leere beraubt worden. Im Winter fiel das nicht ganz so auf, da so wenige Menschen unterwegs war und alles zu. Aber jetzt im Sommer war es anders. Und ich merkte, wie ich doch immer abständiger wurde. Ich staunte eher negativ als begeistert.

 

 

 

Einmal hielten wir an einem Klo.

 

 

 

Dann hielt der Bus und der Fahrer kassierte das Ticketgeld.

 

 

Hinter Khaltse zweigte die Straße ab und folgte dem Indus. Es wurde immer enger im Tal.

 

 

 

 

 

Es gab kleine Beobachtungen:

 

– Wenn jemand stirbt, wird ihm inzwischen gerne eine Gebetsmühle mit nebenstehender Tafel gewidmet. Habe ich inzwischen öfters gesehen.

 

– Es gibt gesponsorte Aprikosentrocknungsinstallationen. Die nutzt aber niemand, weil das Trocknen in der Sonne auf dem Hausdach besser funktioniert (aber wer weiß wie das mit vermehrtem Regen durch Klimaveränderungen ist)

 

– Es wurde noch einiges hin- und her transportiert mit dem Bus so dass man an diversen Stellen hielt zur Entladung – wie hier bei diesem Kiosk, wo der Busfahrer gleich noch einen Tee trank.

 

 

 

 

Und dann waren wir in Garkone, einem touristischen Hauptort der Brokpa. Und davon sowie von meinem Guide Tani erzähle ich im nächsten Blogpost. reicht ja auch erstmal an Vorab-Infos. Was machen diese mit einem, wenn man dann an diesen Ort fährt?

 

 

Mein unterer Rücken war nicht toll, aber er hatte sich auch nicht verschlimmert, das war ja schon mal gut!