
Die Autoabholung klappte super! Außer dass ich viel zu früh auf war und der Fahrer viel zu langsam vorwärts kam. Er war um 6:00 in Manali gestartet. Mein neuer Guide Lameth hatte einen Platz für mich im Shared Taxi gebucht, Kontaktdaten übermittelt und dann hat sich Mohan mit dem Fahrer Dawa verständigt über wann, wo und wie. Und am Ende hat mich der Hotelbesitzer zur Hauptstraße gefahren, 5 min später kam das Auto – und ich bin rein. Schon schön, wie das dann klappt.
Keylong war ja recht (indisch) touristenarm und ich wunderte mich, wo die denn alle untergekommen waren. Kurz nach Keylong sah ich es. Dort gibt es den kleinen Ort Jispa – jahrelang hatte es nur ein etwas besseres Hotel gehabt. Und jetzt: reihten sich massig Camps und Hotels aneinander. Das sah nach dem furchtbaren Massentourismus aus wie in Manali, nur ein bisschen kleiner insgesamt.
Und bald darauf standen wir – Baustelle. Was waren das nur für viele Autos!

Während es früher den InderInnen reichte, im Schnee am Rothang-Pass herumzutollen, visierten sie jetzt weiter entfernte Ziele an: den Baralacha-la auf dem Weg nach Leh oder den Shinkun-la Richtung Zanskar. Ich war schon sehr gespannt! Aber erstmal gab es noch eine Pause in Darcha, dem letzten Ort vor Ladakh, wo sich schon seit vielen Jahren die kleinen Dhabas (mit simplen Übernachtungsmöglichkeiten, die ich 2017 auch mal nutzte) aneinanderreihen. Das hatte sich überhaupt nicht geändert.


Noch früher startete hier der berühmte über 20 Tage dauernde Trek Darcha-Lamayuru (bzw. endete hier – dieser Trek wird später nochmal eine Rolle spielen). 2017 war ich bis oben auf den Pass (der nannte und schrieb sich früher Shingo-la, heute hat sich offensichtlich Shinkunla durchgesetzt) gewandert und hatte mich dann von einem Taxi abholen lassen. Weil die Straße von Darcha eben oben auf dem Pass aufgehört hatte. Es war dort total einsam und eine wahnsinnige urige Berglandschaft. Aber so eine Straße verändert das Landschaftsgefühl total. Zwar fuhren nicht alle Autos diesen Abzweig hoch, aber ziemlich viele. Es war ja noch recht früh im Jahr und somit ziemlich viel Schnee vorhanden. Und dementsprechend herumtollende InderInnen.






Und dann war der 5.091 m hohe Pass erreicht. Der hatte sich auch verändert mit kleinen Zeltdhabas und anderen Gebäuden.





Einige fuhren von dort wieder zurück, andere weiter nach Zanskar hinein. Die grüne alpine Landschaft war nun definitiv vorbei.


Im Auto saßen ganz hinten einige Inder, auf dem Vordersitz eine Zanskari, die ich später auf dem Markt wieder traf und die mich aufs herzlichste begrüßte und umarmte und zu sich nach Hause einlud – auf der Fahrt hatte sie mich eher gar nicht angeschaut, und auf der Mittelbank eine junge Frau aus Stongde und 2 junge Herren aus Padum, die sich als Onkel und Neffe herausstellten. Der Onkel hieß Ringchen und war lustig, ein Guide mit einer riesigen Rastamähne, der offensichtlich öfters mit RussInnen trekkte. Wir redeten einiges – und dann kam raus, dass ich vor einigen Jahren seinem älteren Bruder begegnet war. Der blieb mir ziemlich im Gedächtnis. Er war auf eine christliche Internatsschule in Shimla gegangen und damals nach Hause beordert, da er den Job seines verstorbenen Vaters erben sollte (manche Jobs zumindest in Zanskar sind vererbbar). Ich traf ihn damals in diesem Restaurantcumhotel, wo ich auch Raju während der Ausgangssperre getroffen hatte. Er hielt sich dort so gerne auf, da das meiste Personal ais Himachal Pradesh war (wo auch Shimla ist) und er sprachlich und kulturell mit denen wesentlich besser klar kam, da er durch jahrelange Abwesenheit weder gut zanskari sprach noch sich in der Kultur zuhause fühlte. Auch religiös war er vollkommen verwirrt – als Buddhist geboren fand er das Christentum recht anziehend, besonders die Weihnachtsrituale. Er wüsste überhaupt nicht mehr, wer oder was er sei. So kann das sein, wenn Kinder jahrelang auf solche Internatsschulen ohne großen Heimatkontakt wegen der Abgeschiedenheit der Region geschickt werden. Und Ringchen? Der war auch auf diesem Internat, fühlte sich aber nicht verwirrt sondern lud alle Religionen in sich ein. „Schau, auf den Hals habe ich sogar Shiva tätowiert!“ Sein großer Bruder hätte sich wohl inzwischen mit seiner Situation arrangiert, aber sie schienen nicht so viel Kontakt zu haben.
Immerhin hatte Ringchen Kontakt mit Lameth, meinen zukünftigen Guide, der mich in Padum abholen wollte. Meine SIM ging nicht mehr. In dieser Himalayaregion gehen die Prepaid SIMs nicht, man braucht eine Postpaid SIM, die man aber nur an einer Stelle als AusländerIn erhält: im Airtel-Shop in Leh – bis dahin war ich also ohne SIM. Und ich kann schon sagen: ich habe das gehasst! Jedenfalls rief er ihn an und Lameth kam dann nach Padum zur Abholung.
In diesem Haus befand sich übrigens dieses besagte Hotelcumrestaurant, welches sich damals Ga Kyi schrieb und heute Gaskith. Und wie man sieht, hat der Besitzer Großes vor.

Die Fahrt hatte inkl. Pausen ca. 5 Stunden gedauert. Das war schon verrückt. Ich war 2024 das letzte Mal in Zanskar gewesen (siehe dieser Blog). Da habe ich schon einiges über die Veränderungen in Zanskar geschrieben, besonders hier:
Diesmal habe ich mich mit anderen Facetten beschäftigt und war auch in anderen Orten. Im Prinzip besteht Zanskar aus 3 Tälern, die in Padum zusammenlaufen. Es gibt die Lungnak-Seite (zwischen dem Shinkun-la und Padum), die Stod-Seite (zwischen Aksho und Padum Richtung Kargil) sowie Lower Zanskar (zwischen Zangla und Padum Richtung Ladakh). Traditionell war die Stod-Seite die, wo alles von außen hinein kam, da hier die einzige Straße nach außen existierte. Lower Zanskar hatte über den gefrorenen Zanskar-Fluß (Chadar-Trek) den einzigen Winterzugang. Und jetzt sind alle 3 Täler in ca. 5 Fahrstunden mit der Außenwelt verbunden! Früher war es für die Zanskaris total beschwerlich mit dem behördlichen Papierkram für den sie immer mehrtägige Reisen nach Kargil oder Leh unternehmen mussten. Heute wären sie schneller da, müssen aber gar nicht mehr unbedingt, da sich viel ins Digitale verlagert hat. Voll bequem!
Überall ragen rotweiße Mobilfunktürme in die Höhe und man hat fast überall Empfang.

Das sind also die großen Veränderungen von außen:
Dadurch ändert sich das Leben enorm. Z.B. spielt Tourismus eine größere und andere Rolle. Früher galt Zanskar als Trekkingparadies, heute ist es eher eine Roadtrip-Region. Die große Mehrzahl der Reisenden sind indisch – entweder mit Motorrädern, mit Privatautos oder als Pauschaltour im Taxi unterwegs. Ihre Aufenthaltsdauer ist eher sehr limitiert, gerade Motorradreisende übernachten sogar nur einmal und besichtigen kaum etwas, Andere bleiben wenige Nächte inkl. Besuche der größeren Klöster. Dafür werden Unterkünfte gebraucht und man baut und baut. Zusätzlich fördert die Regierung Homestays. Man kann Utensilien dafür zu einem günstigeren Preis erwerben (Wasserfilter, Decken, Laken, Handtücher) und hat eine einheitliche Preisregelung: 1500 INR (ca. 15 Euro) pro Nacht inkl. aller Mahlzeiten.

Lameth wohnt in Tsazar, wo seine Tante Dawa ein Homestay betreibt. Dort kam ich unter und verbrachte den Folgetag mit einem Dorfrundgang. Da lernte ich noch mehr über weitere Veränderungen und berichte davon im nächsten Blogpost.
Wir fuhren also dahin und das Wetter war so beeindruckend, dass ich viele Fotos auf den ca. 30 km machte:





Auf jeden Fall war die Fahrt über den Pass eine Fahrt in eine ganz andere Welt, die sich gerade in einem ungemein spannenden Wandel befindet. Und ich freute mich, davon einiges mitzubekommen.